Die perfide Art des Konsumerismus

Alexander Görlach über Plünderungen beim G20-Gipfel

Standpunkt | Berlin - 11.07.2017

Die schlimmen Verheerungen und Verwüstungen, die Links-Terroristen und Mitläufer in Hamburg angerichtet haben, zeigen: es ist nicht der Kapitalismus, der am Ende ist und gegen den aufbegehrt wird, sondern vielmehr eine seiner Spielarten: der Konsumerismus. Das wurde in dem Moment deutlich, in dem Supermärkte und Handy-Geschäfte geplündert wurden. Wie schon bei den schweren Krawallen in London im Jahr 2011 ist der Zielpunkt der Aggression nicht ein abstraktes politisch-ökonomisches Gefüge und System, sondern die Teilhabe an der Gesellschaft, die hergestellt wird durch den Besitz bestimmter teure Konsumgüter.

Wer beispielsweise ein iPhone besitzt, der gehört dazu. Wer kein schickes Smartphone hat, ist abgemeldet. Im Supermarkt gibt es auch den einen oder anderen Dazugehör-Artikel zu stehlen, teure alkoholische Getränke zum Beispiel. In einer Massengesellschaft, zu der die westlichen Industriegesellschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts geworden sind, ist die Unterscheidung und Differenzierung nach Größe und Preis von Produkten der eigentliche Spaltpilz. Davon losgelöst und fast schon achselzuckend daneben stehen Schule, Ausbildung und die Möglichkeiten an Einkommen, die aus dem Engagement dort erwachsen. Schon lange können viele Menschen das, was ihnen als Dazugehör-Muss vorgesetzt wird, nicht leisten. Die perfide Art dieses Konsumerismus nimmt in Kauf, dass Menschen sich verschulden, um die Produkte zu konsumieren. Das ist der Zusammenhang, den Hamburg offenlegt.

Davon unberührt sind letztlich all die Fragen nach fairem globalen Handel, einer Kultur der Teilhabe für die Bewohner von südlicher und nördlicher Erdhalbkugel, vor allem unter dem drängenden Eindruck von Ressourcen-Verbrauch und Klimawandel - die Themen, die die G20 betreffen und diskutieren sollen. In Hamburg hat sich vor allem der entfesselte Egoismus gezeigt und kein revolutionsbereiter, neuer Sozialismus. Das "ich will haben", "ich will dazugehören" hat sich rasend Bahn gebrochen, jedes zivilisatorische Maß verloren. 

Dieses Maß aber ist es, das Zugehörigkeit stiftet. Die Verbrecher von Hamburg sind sowohl Opfer ihrer eigenen Kurzsichtigkeit als auch eines Konsum-Mantras, das unsere Gesellschaften nun seit einem halben Jahrhundert verseucht - und für ihr Tun voll verantwortlich. Sie persönlich sind beileibe nicht Opfer eines "Systems G20" geworden. Sie gehören nun, wegen dieser Masslosigkeit nicht mehr zu uns, zur Gesellschaft. Auch wenn sie jetzt ein geklautes iPhone in der Tasche haben sollten.

Von Alexander Görlach

Der Autor

Alexander Görlach ist Visiting Scholar an der Harvard Universität in den USA. Der promovierte Linguist und Theologe forscht dort im Themenfeld Politik und Religion. Zuvor war Görlach der Herausgeber und Chefredakteur des von ihm gegründeten Debatten-Magazins "The European". Er ist Kolumnist der Wirtschaftswoche.

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