Echos auf den Echo-Eklat

Joachim Valentin über die Ursachen von Antisemitismus

Standpunkt | Bonn - 19.04.2018

Joachim Valentin Standpunkt katholisch.de

"Was bedeutet antisemitisch?", so fragte ein Schüler seinen Lehrer Jörg Heeb, nachdem dieser die Texte von Farid Bang und Kollegah einen "fremden- und schwulenfeindlichen, frauenverachtenden und antisemitischen Scheiß" genannt hatte.

In seinem aktuell 1.400-fach kommentierten und 13.000-fach "gelikten" Facebookpost beschreibt der engagierte Lehrer, wie lange er mit seinen Schülern arbeiten musste, bis sie die unerträgliche Rap-Zeile "Mein Körper definierter als Auschwitzinsassen…" überhaupt verstanden und dann schließlich zu dem Urteil kamen: "Das ist abartig, so etwas zu schreiben". Es handelt sich um Schüler, die zuvor noch die beiden Rapper als "krass" und "voll die Maschinen" bewundert hatten.

Viele Echo-Preisträger haben inzwischen ihren Preis aus Protest zurückgegeben, darunter Peter Maffay, der diesjährige Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille, und Marius Müller-Westernhagen. Doch so wichtig schneller und wirksamer Protest – der Preis, der vor allem den Verkaufserfolg feiert, soll nun komplett überarbeitet werden – oder schnelle und pädagogisch sensible Reaktionen wie die von Jörg Heeb sind, so genau muss nach Hintergründen und Ursachen gefragt werden.

Auch nach den Ursachen dafür, dass das Abstimmungsergebnis im Beirat des Preises 6 zu 1 für dessen Unbedenklichkeit war. Das hat die einzige Gegenstimme, Uta Losem, Mitarbeiterin des Katholischen Büros in Berlin und Mitglied in diversen Gremien der Deutschen Bischofskonferenz, inzwischen mitgeteilt. Neben den unausgerotteten sehr deutschen Wurzeln für Antisemitismus ist da sicher der Judenhass in islamisch geprägten Herkunftsländern von vor allem jungen Mitbürgern zu nennen.

Aber auch die von vielen für ihre Herkunft aus den schwarzen Vorstädten der USA und ihr Widerstandspotential geschätzte Hip-Hop- und Rap-Kultur, die weder mit Geprotze noch mit Gewalt- und Porno-Fantasien geizt, hat offenbar jetzt endgültig ihre Unschuld verloren. Durch die Hintertür der Streaming-Plattformen kommt ein Bild- und Wortmaterial in die Hirne junger Menschen, das offenbar unempfindlich macht für "Opfer" – seien sie Frauen, Schwule oder Juden. Dass Außenseiter den unbedingten Schutz von Christen mehr denn je brauchen, wird hier überdeutlich.

Von Joachim Valentin

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.

Hinweis

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