Ein erster, kleiner Schritt

Matthias Drobinski über die Segnung homosexueller Paare

Standpunkt | Bonn - 06.02.2018

Ein schwules oder lesbisches Paar kann von einem katholischen Priester gesegnet werden, hat der Münchner Kardinal und Bischofskonferenzvorsitzende Reinhard Marx gesagt - in Einzelfällen, wie er gleich einschränkend hinzufügte, und dass dieser Segen keine Eheschließung sei. Es wäre ein guter und mutiger Schritt, wenn das die Haltung der gesamten deutschen Bischofskonferenz würde, die sich demnächst in Ingolstadt zur Frühjahrsvollversammlung trifft. Es wäre ein erster, kleiner Schritt, das Unrecht zu verringern, das die katholische Kirche jenen Frauen und Männern angetan hat und antut, die einen Menschen des gleichen Geschlechts lieben.

Sie haben sich ihre Gefühle so wenig ausgesucht wie heterosexuelle Frauen und Männer. Sie lieben ihre Partnerinnen und Partner, stehen füreinander ein, versorgen zunehmend Kinder. Oder machen sich das Leben zur Hölle, lassen den anderen im Stich und die Kinder gleich mit, um die sie sich doch kümmern wollten - Homosexualität macht einen weder zum schlechteren noch zum besseren Menschen. Da hätte die katholische Kirche homo- wie heterosexuellen Paaren einiges zu sagen: Nutzt einander nicht aus, lauft nicht auseinander, wenn der erste Sturm der Leidenschaft vorüber ist und der Alltag kommt, tragt einander in Verantwortung - und Gott ist bei Euch und segnet Euch. Schwule und lesbische Paare aber können sich lieben und stützen wie sie wollen: Ihre Verbindung bleibt "objektiv ungeordnet", also strukturell defizitär.  Das beschädigt auch alles, was die katholische Kirche heterosexuellen Paaren mit auf den Weg zu geben hat, es kostet Glaubwürdigkeit.

Die biblischen Zeugnisse über Homosexualität kommen aus einer Zeit, in der es lebensnotwendig war, genügend Nachkommen zu haben; es sind Verhaltensregeln für eine Gesellschaft, in der die Ehe zuerst ein Vertrag und Bündnis war - und dann, mit Glück, eine Liebe. Heute braucht es Regeln zum Leben in einer Gesellschaft, der die Vereinzelung droht und der Vorrang des Egoismus, in der die Angst vor der Bindung groß ist und in Großbritannien gar ein Ministerium gegen Einsamkeit gegründet wird. Ja: Da sollte man Menschen Gottes Segen mit auf den gemeinsamen Weg geben, ob sie homo- oder heterosexuell sind.

Von Matthias Drobinski

Der Autor

Matthias Drobinski ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und dort unter anderem für die Berichterstattung über Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig.

Hinweis

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