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Ein Experiment, das nicht schief gehen darf

André Uzulis über Deutschland und die Flüchtlinge

Standpunkt | Bonn - 17.09.2015

Trier-Nord, Dasbacher Straße, Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge des Landes Rheinland-Pfalz. Der tagelange Regen hat die unbefestigten Plätze zwischen den ehemaligen Kasernengebäuden aufgeweicht, jeder freie Platz wird für Wohncontainer, Zelte und Dixi-Klos genutzt. Auf einem Spielplatz toben Kinder, vor den Hauseingängen stehen Männer mit Kapuzenpullis und Flip-Flops in kleinen Gruppen, rauchen und reden. Im Minutentakt kommen Taxis an und bringen neue Flüchtlinge, die mit Koffern, Tüten und Schlafsäcken aussteigen. Auf dem Boden liegt Dreck, es stinkt an manchen Ecken, vor den Fenstern hängt Wäsche zum trocknen. Die Polizei fährt in ihren Autos Streife über das Gelände. In den überbelegten Zimmern ist kaum Platz zum umdrehen. Tausende leben hier, viele nicht registriert. Vor dem Gelände brandet der Feierabendverkehr, geht der deutsche Alltag seinen gewohnten Gang.

So wie in Trier sieht es derzeit in vielen deutschen Städten mit Sammelunterkünften für Flüchtlinge aus. Es sind die wahrscheinlich bedrückendsten Orte in Deutschland momentan. Doch für die Menschen, die hier ankommen und hier wochenlang, manche monatelang leben, ist es das Paradies. Viel von ihnen sind dem Krieg in Syrien entflohen, andere Clan-Fehden auf dem Balkan, wieder andere wie den Armeniern konnte in ihrer Heimat medizinisch nicht geholfen werden. Schlepper haben sich in Armenien darauf spezialisiert, Schwerkranke für die Reise nach Deutschland viel bezahlen zu lassen in der Hoffnung auf Asyl und Heilung von einem Krebsleiden oder einer anderen schlimmen Krankheit. Tausende Einzelschicksale, tausende sich kreuzende Lebenswege, die nur ein Ziel haben: bleiben zu dürfen in Deutschland.

In der Einrichtung gibt es Traumatherapie, Gestalttherapie, Gesprächstherapie, Yogakurse für Frauen und vieles mehr. Die Sozialarbeiter von Caritas und Diakonie arbeiten bis über die Grenze der Erschöpfung hinaus, und mit Ihnen Ärzte, Hebammen, Physiotherapeuten, Ehrenamtliche für Dienste aller Art. Wer sich eine solche Einrichtung anschaut und die Flüchtlinge nicht nur vermittelt durch Tagesschau und Zeitung wahrnimmt, bekommt ein Gefühl von der Tragweite der Herausforderung, vor der unser Land steht. Es stellen sich Fragen. Wie soll das gehen, wenn tatsächlich ab jetzt in den nächsten Jahren jährlich eine Million Menschen aus einem anderen Kulturraum, mit einer anderen Religion, mit einem anderen Frauenbild, mit zunächst fehlenden Sprachkenntnissen und die meisten von ihnen ohne verwertbare berufliche Qualifikationen integriert werden sollen? Jedes Jahr müsste ab jetzt in Deutschland eine Stadt von der Größe Kölns gebaut werden für eine Million Flüchtlinge. Ist das überhaupt möglich? Halten das unsere Sozialsysteme aus? Was macht das mit den Einheimischen? Wie lange reicht die Euphorie über die eigene Hilfsbereitschaft noch? Und was kommt danach, wenn der Zustrom der Massen zum Alltag wird?

In diesen Tagen stellen sich viele Menschen in Deutschland diese Fragen. Appelle an noch mehr Hilfsbereitschaft sind gut und immer richtig. Aber dass Bedenken ernst genommen werden müssen, ist auch ein Gebot der Stunde. Die aktuelle Situation ist ein soziales und gesellschaftliches Experiment nie dagewesenen Ausmaßes. Es darf nicht schiefgehen, denn es geht um Menschen, ungezählte Menschen. Um die Neuankömmlinge, die Schlimmes durchgemacht haben – und um die, die schon lange hier leben und die sich zu Recht auch Angst um ihre Zukunft machen.

Der Autor

Dr. André Uzulis ist Pressesprecher und Kommunikationschef des Bistums Trier.

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Von Andre Uzulis

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