Ein Feiertag für die protestantische Minderheit?

Ludwig Ring-Eifel blickt voraus auf das Reformationsjubiläum 2117

Standpunkt | Bonn - 01.12.2017

Ludwig Ring-Eifel

Beim diesjährigen Reformationsgedenken wurde oft daran erinnert, wie unterschiedlich doch diese Jahrestage in Deutschland durch die Jahrhunderte begangen wurden: mit aufklärerischem Stolz 1817, eher deutschnational-preußisch 1917, ziemlich ökumenisch und nach allen Seiten freundlich im Jahr 2017. Ein interessantes Gedankenspiel ist es, sich das nächste Jubiläum (2117) vorzustellen.

Wenn man die vorsichtig kalkulierten jüngsten Zahlen des Religions-Forschungsinstituts "Pew Research Center" hochrechnet, dann werden in Deutschland schon in wenigen Jahrzehnten deutlich mehr Muslime als Protestanten leben. 2050 wird der Anteil der Muslime mit 10 bis 20 Prozent den dann zu erwartenden Anteil der protestantischen Kirchenmitglieder eingeholt oder überholt haben. 2117, also nochmal zwei Generationen später, wird man wohl höchstens noch von einer kleinen protestantischen und einer zahlenmäßig etwas stärkeren katholischen Minderheit in Deutschland sprechen. Die Muslime bilden dann die mit Abstand stärkste religiöse Gemeinschaft.

Damit sind wir im Bereich der Spekulation, aber unrealistisch ist das Szenario nicht. Ein Blick in die Schulen unserer großen und mittelgroßen Städte genügt, um das zu begreifen. Schwer vorstellbar, dass in 100 Jahren eine Minderheit von dann deutlich unter zehn Prozent noch einen staatlichen Feiertag bekommt. Vielleicht könnte ein "Rat der Religionen", der bis dahin großen Einfluss auf die Gesetzgebung in Deutschland haben wird, dieser Minderheit wenigstens in einigen Städten noch das Privileg eines Feiertags einräumen: Mit Rücksicht auf die historischen Verdienste um die friedliche Masseneinwanderung von Muslimen im 21. Jahrhundert und die Förderung des Multikulturalismus in Staat und Gesellschaft dürfen Protestanten ihren Reformationstag 2117 also vielleicht doch noch lokal begehen. Allerdings gilt es darauf zu achten, dass diese Sonderregelung den bis dahin zwischen den Religionen mühsam ausgehandelten Kompromiss mit drei muslimischen und zwei christlichen Feiertagen nicht in Frage stellt.

Aber zum Glück ist das alles nur ein Gedankenspiel, und kaum jemand von uns wird dann noch leben. 

Von Ludwig Ring-Eifel

Der Autor

Ludwig Ring-Eifel ist Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

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