Ein Plädoyer für Protestanten-Ministranten

Tilmann Kleinjung über Jugend und Gottesdienst

Standpunkt | Bonn - 04.06.2018

Tilmann Kleinjung ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk in München

Wir haben Konfirmation gefeiert, und der Pfarrer war realistisch. "Euch werde ich nicht mehr so oft sehen", sagte er zu den Konfirmanden und deren Verwandten. Firmung und Konfirmation sind eigentlich Initiationsriten. Junge Menschen werden in die Glaubensgemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen. Soll heißen: Jetzt geht’s richtig los. Für viele jedoch markiert der feierliche Gottesdienst das Ende vom Anfang. Ein Kollege hat ein kluges Buch geschrieben. Zielgruppe: frisch gefirmte oder konfirmierte Christen. Über dem Buch steht die  provokante Frage: "Dein letzter Gottesdienst?" Was können die Gemeinden machen, dass diese Prophezeiung nicht eintritt? Dass Konfirmation und Firmung der Auftakt eines Lebens voll von beglückenden und bereichernden Glaubenserfahrungen werden?

Ich wünsche mir, dass junge Menschen den Besuch eines Gottesdienstes nicht als öde Pflichtübung verbuchen. Sondern als sinnvollen Zeitvertreib und bestenfalls als inspirierendes Erlebnis. Und da spreche ich erst einmal über meine, die evangelische Kirche. Von einer spannenden Predigt und einer professionell gestalteten Liturgie haben alle Gottesdienstbesucher etwas, auch die älteren. Entscheidend ist aber, dass junge Menschen aktiv mitmischen und nicht wie falsch geparkt in den Kirchenbänken sitzen.

Es wird ja oft  über die Protestantisierung der katholischen Kirche geklagt. Ich mache es heute  umgekehrt und fordere die Katholisierung der evangelischen Kirche. Ich beneide unsere katholischen Schwestern und Brüder um ihre Ministranten. Kinder und Jugendliche, die in der Liturgie eine wichtige Aufgabe übernehmen und damit einen Gottesdienste zu ihrer Feier  machen. Das ist sehr viel jugendgerechter als ein Gottesdienst, der sich in Sprache und Musikstil dem vermeintlichen Geschmack der Jüngeren anpasst. Warum nicht Protestanten-Ministranten, die als Gottesdiensthelfer Lesungen übernehmen, bei der Abendmahlsfeier zur Hand gehen und den Klingelbeutel einsammeln? Und, ja: natürlich in liturgischen Gewändern. Die sollten dann selbstverständlich evangelisch schlicht geschnitten sein.

Von Tilmann Kleinjung

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Tilmann Kleinjung ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk in München.

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