Ein weiteres Signal aus Rom

Stefan Orth über den Kampf der Kirche gegen Missbrauch

Standpunkt | Bonn - 07.06.2016

Es ist ruhig geworden um den sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute. Das heißt aber nicht, dass das Thema damit erledigt wäre. Viele der Opfer leiden heute noch unvermindert an ihren Erfahrungen. Das hat sich zuletzt wieder angesichts des Kinofilms "Spotlight" über die Aufdeckung der Vorgänge im Erzbistum Boston 2002 gezeigt.

Der Umgang mit neuen Vorwürfen und die Prävention, dass es erst gar nicht dazu kommt, mag in Deutschland in die richtigen Bahnen gelenkt worden sein. Bei der Rückgewinnung von Glaubwürdigkeit ist man freilich erst am Beginn des Wegs. Es steht noch viel Aufarbeitung aus. Papst Franziskus, dem manche vorwerfen, bei Reformvorhaben zu langsam zu handeln, geht mit Blick auf den sexuellen Missbrauch weiter voran. Im vergangenen Jahr hat er einen eigenen Gerichtshof geschaffen, vor dem sich auch Bischöfe verantworten müssen, wenn sie Missbrauch vertuschen.

Am Samstag hat Franziskus jetzt ein sogenanntes Motu Proprio veröffentlicht. "Come una madre amorevole" (Wie eine liebevolle Mutter) heißt der knappe Text, der ab September Gültigkeit hat. In ihm werden bisher deutlich offenere Formulierungen des Kirchenrechts präzisiert. Bischöfen oder Ordensoberen braucht jetzt beim Vertuschen nicht einmal Absicht und damit ein moralisches Versagen vorgeworfen zu werden. Allein die Verletzung der Sorgfaltspflichten genügt.

Viele Ortskirchen weltweit tun sich noch immer schwer damit, sexuellen Missbrauch nicht allein als Problem erst angelsächsischer und jetzt auch westeuropäischer Länder anzusehen. Angesichts dieser Tatsache ist das Motu Proprio ein weiteres Signal. Hierzulande darf man gespannt sein, ob das groß angelegte Forschungsprojekt der deutschen Bischöfe im Jahr 2017 auch neue Erkenntnisse über den früheren Umgang mit Missbrauch bringen wird. Das Schreiben von Franziskus unterstreicht in jedem Fall, wie wichtig dem Papst die Aufarbeitung ist.

Der Autor

Dr. Stefan Orth ist stellvertretender Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Stefan Orth

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