Eine Chance in der Krise

Johanna Heckeley über das Treffen der europäischen Bischöfe

Standpunkt | Bonn - 25.10.2017

Johanna Heckeley katholisch.de-Redakteurin

Das ist höchste Zeit: Ende dieser Woche treffen Europas Bischöfe in Rom zu der Tagung "(Re)Thinking Europe" zusammen. Mit Teilnehmern aus Politik und Wissenschaft wollen sie dort über die "Herausforderungen des europäischen Projekts" diskutieren. Auf dem Programm stehen unter anderem also die Flüchtlingskrise und die zunehmenden nationalistischen Strömungen in den EU-Staaten. Das Treffen soll ermutigend und unterstützend wirken.

Doch Europas Bischöfe sind sich untereinander nicht einig. Vor allem, was die Migrationspolitik angeht, gibt es unterschiedliche Ansichten. Das wurde deutlich, als die polnische und die ungarische Bischofskonferenz Anfang 2016 Druck auf die Zeitschrift "EuropeInfos" machten, die von der EU-Bischofskonferenz COMECE und dem Europäischen Sozialzentrum der Jesuiten herausgegeben wird. Die Zeitschrift musste zwei Texte zurückziehen, die sich kritisch mit den nationalkonservativen beziehungsweise rechten Parteien der beiden Länder auseinandergesetzt hatten. Wichtige Ereignisse wie das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Umverteilung von 120.000 Flüchtlingen aus Italien und Griechenland im September ließ die COMECE seither unkommentiert. Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei hatten die Aufnahme von Flüchtlingen verweigert, Budapest und Bratislava auch dagegen geklagt.

Auf diese Weise haben die europäischen Bischöfe jedoch ihre Glaubhaftigkeit in Zweifel gezogen. Wer wollte ihre Appelle an das "Projekt Europa" da ernstnehmen? Ein mutiges Vorbild hätten sie bereits: Papst Franziskus, der auch auf der Tagung sprechen wird, hat sich wiederholt nicht nur deutlich für die Rechte von Flüchtlingen stark gemacht und die europäischen Staaten für ihre Abschottungspolitik kritisiert. Er hat auch immer wieder den Traum vom humanistischen Europa beschworen.

In der Krise Europas liegt aber auch eine Chance für die Kirche: Sich einstimmig und unverrückbar wie ein Fels in die Brandung der nationalistischen und fremdenfeindlichen Strömungen zu stellen, wird ihr Gehör verschaffen. So könnte sie tatsächlich die europäische Idee unterstützen. Doch dafür muss sie vorleben, was sie predigt, und zeigen: Wir stehen uneingeschränkt zu den christlichen Werten der Solidarität und der Subsidiarität, auch, wenn es unbequem wird. Das sollte Grund genug sein für die Bischöfe, sich in Rom wieder anzunähern.

Von Johanna Heckeley

Die Autorin

Johanna Heckeley ist Redakteurin bei katholisch.de.

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