Einigkeit und Recht – und Heimat?

Hans-Joachim Höhn über Grammatik und die ehemalige DDR

Standpunkt | Bonn - 04.10.2017

Bei Ansprachen zum Tag der Deutschen Einheit darf die Beschwörung von Einigkeit und Recht und Freiheit nicht fehlen. In diesem Jahr hat der Bundespräsident diese Trias um den Begriff "Heimat" ergänzt. Dabei hat er die Regeln der Grammatik bewusst gedehnt, indem er formulierte: "Ein Mensch kann mehr als eine Heimat haben, und neue Heimat finden." Die Grammatik kennt "Heimat" eigentlich nur im Singular. Aber wenn alte und neue Heimat addiert werden, gibt es Heimat auch in der Mehrzahl.

Mit der Autorität der Grammatik ist es ohnehin vorbei, wenn sie mit den Erfahrungen und Empfindungen des Menschen nicht mehr übereinstimmt. In der Tat machen etliche Geflüchtete und Vertriebene, Migranten und Globalisierungsnomaden die Erfahrung einer Neubeheimatung auf neuem Terrain. Heimat gibt es auch im Plural. Aber ist das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Genügen solche Ausnahmen bereits, um Grammatikregeln zu ändern?

Noch immer werden beim Gebrauch der Vokabel "Heimat" vornehmlich Sätze gebildet, an deren Ende ein Fragezeichen steht: Ist Heimat eine herkunfts- und ortsgebundene Größe? Woran lässt sich festmachen, ob man dort auch daheim ist, wenn man in der Fremde ein Dach über dem Kopf gefunden? Der Nachweis eines festen Wohnsitzes ist für Beheimatung noch kein hinreichendes Indiz. Es braucht mehr als eine Adresse, unter der man polizeilich gemeldet ist. Über dieses "Mehr" wird immer wieder gestritten: Wird man dort heimisch, wo man Gleichgesinnte trifft, wo man emotionale Zugehörigkeiten ausbildet, sich geborgen und aufgehoben weiß, wo man eine passende Seelenlandschaft entdeckt? Ist Beheimatung geknüpft an die Tilgung des Befremdlichen, Unvertrauten, Unheimlichen? Ist Heimatverlust nicht auch eine Erfahrung von kultureller Unbehaustheit und psychischer Obdachlosigkeit, die in modernen Gesellschaften sogar Alteingesessene überkommen kann?

Von dieser Erfahrung können ehemalige DDR-Bürger ein eigenes Lied singen. Sie wohnen nach der "Wende" noch immer am selben Ort, mussten aber einen kompletten Systemwechsel vollziehen. Niemand verlor im buchstäblichen Sinn den Boden unter den Füßen und dennoch standen fast alle vor der Frage, was darauf noch Bestand haben konnte. Die sozialistische Utopie war längst entlarvt als Vision einer Zukunft, in die niemand mehr gehen wollte. Aber als die Versprechen der Marktwirtschaft erfüllt wurden, blieben viele zurück. Vielleicht ist das Wahlergebnis vom 24. September 2017 eine späte Abrechnung mit dem 03. Oktober 1990. Die "Wende" hat zusammengeführt, was zusammengehört. Aber sie hat (noch) nicht alle geeint.

Von Hans-Joachim Höhn

Der Autor

Dr. Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln.

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