Feldlazarett oder Silicon Valley?

Felix Neumann über das Kirchenbild Kardinal Müllers

Standpunkt | Bonn - 29.11.2017

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de

Ist die große Zeit der "Kirche als Feldlazarett" zu Ende, gut vier Jahre, nachdem Papst Franziskus diesen Begriff prägte und zu einer zentralen Metapher seines Pontifikats machte? Das brachte Kardinal Gerhard Ludwig Müller in einem Interview ins Spiel: "Das war eine große Einsicht des Papstes, aber vielleicht ist es jetzt Zeit, über das Feldlazarett hinauszugehen." Stattdessen stünde es jetzt an, die Ursachen zu bekämpfen, die das Feldlazarett erst nötig machten.

Papst Franziskus selbst hat sein Bild vom Feldlazarett als eines der Vorläufigkeit gezeichnet: "Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen." Warum Kardinal Müller die Phase des Feldlazaretts als erledigt ansieht, bleibt er in dem Interview schuldig. Deutlich macht er, dass er sich mehr Theologie auf hohem Niveau wünscht, statt einer "Volkstheologie der Monsignores" oder einer "zu journalistischen Theologie".

Dafür brauche es heute ein "Silicon Valley der Kirche", der Kardinal fordert auf, zu einem "Steve Jobs des Glaubens" zu werden, der visionär für Tugend, Werte und Wahrheit steht. Eine ungewöhnlich weltliche Metaphorik für den Vertrauten des Papstes der Entweltlichung: Der smarte Unternehmer Steve Jobs, der mit Charisma und Erfindergeist nicht nur eine Branche, sondern die ganze Welt veränderte, als Vorbild für die Kirche.

Solche Charismatiker, die mit Vision und Tatkraft für einen Neuaufbruch in der Kirche kämpften, gab es in der Geschichte viele. Die großen Ordensgründer etwa, wie Ignatius von Loyola, der Gründer der Jesuiten, oder der Namenspatron des Papstes, Franz von Assisi. Was diese "Steve Jobs des Glaubens" über ihr Charisma und ihre Vision hinaus verbindet: Auch ihre Kirche war ein "Feldlazarett" – wo Theologie und das Nötige zum Heil der Menschen zu tun sich nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Die Vorläufigkeit des Feldlazaretts ist nichts, was sich in kaum fünf Jahren eines Pontifikats erledigen ließe: Ein bisschen "Amoris Laetitia" hier, ein wenig Reform des Eheverfahrensrechts da, garniert mit einem "Jahr der Barmherzigkeit", fertig, jetzt zu den relevanten Dingen. So geht es nicht – das "Feldlazarett" ist vielmehr die dauernde Verpflichtung Christi. Davon haben wir an dem Sonntag, an dem Müllers Interview erschienen ist, im Evangelium gehört: in der Rede vom Weltgericht. "Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen."

Von Felix Neumann

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Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de.

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