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Freiraum für Zukunftsplaner

Dominik Blum über Steinmeier und die Katholischen Akademien

Standpunkt | Bonn - 21.03.2017

Seit dem Wochenende wohnt der neue Bundespräsident im Schloss Bellevue, morgen wird der erste Bürger der Republik im Bundestag vereidigt. Anschließend hält Frank-Walter Steinmeier seine programmatische Antrittsrede als Staatsoberhaupt. Geschrieben hat er sie mit einem Team seiner engsten Vertrauten im "Kirchenasyl", in "klösterlicher Abgeschiedenheit", wie die Tagesschau vorwitzig zu berichten wusste. Aber der prominente Protestant war mit seinem Stab weder in einer Flüchtlingswohnung neben dem Pfarrsaal noch im Charlottenburger Karmel, während ihm im Auswärtigen Amt und im Bundestag keine Büroräume zur Verfügung standen. Er lebte und arbeitete – still und fast ohne öffentliches Aufsehen – in der Katholischen Akademie mitten in Berlin.

Dass Steinmeier hier eine produktive Auszeit nahm, bevor er am Sonntag sein Amt antrat, darf als Parabel für das Anliegen katholischer Bildungsarbeit verstanden werden. Die katholischen Akademien wollen Freiräume sein, in denen das Denken Platz hat und der Geist Luft zum Atemholen für die Diskussion. Gastfreundlich und dialogisch bieten sie diesen Raum nicht nur dem evangelischen Bundespräsidenten, sondern Muslimen und Querdenkern, Patrioten und Sozialisten, Religionslosen und Kunstschaffenden. In solchen Denkwerkstätten können Pläne gemacht werden, wie die plurale Gesellschaft heute funktionieren und morgen noch zusammengehalten werden kann. Und hier entscheidet sich, welchen Beitrag das Christentum dazu noch leistet. Jedes deutsche Bistum, das die Finanzierung solcher Bildungsleuchttürme ausspielen wollte gegen das vermeintliche seelsorgliche 'Kerngeschäft' in den Pfarreien, wäre schlecht beraten. Oder hätte zu wenig nachgedacht.

Übrigens: Dass der zukünftige Bundespräsident eine Katholische Akademie für diese Zwecke nutzt, mag selten sein. In Familienbildungsstätten aber finden gestresste Mütter und Väter jeden Nachmittag solche Freiräume. Und an den vielen katholischen Privatschulen machen ganz normale Teenager alltäglich die Erfahrung, dass Persönlichkeitsbildung auch unter G8-Bedingungen nicht auf Sinnfragen und die Antwortversuche der Religion verzichten sollte. Gut so.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

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