Für eine Entdämonisierung von Muslimen

Alexander Görlach über den Umgang der Deutschen mit Minderheiten

Standpunkt | Berlin - 03.03.2017

In dem Kinofilm "Milk", der das Leben des Politikers und Aktivisten Harvey Milk beschreibt, gibt es eine Schlüsselszene. Der homosexuelle Aktivist fordert seine Freunde auf, in den Familien und in ihren Freundeskreisen zu erzählen, dass sie homosexuell sind. Das Coming out diene dem Zweck, eine neue Gesetzgebung im Kalifornien der 70er Jahre zu verhindern, die sich gegen Homosexuelle richten würde, so Milk. Seine Logik war, dass Menschen, sofern sie wüssten, dass sie selbst Homosexuelle kennen, viel weniger dazu geneigt sein würden, eine anti-homosexuelle Gesetzgebung zu unterstützen. Er hatte recht mit seiner Einschätzung. Heute ist in der Konsequenz und in vielen Bereichen westlicher Gesellschaften Homosexualität normalisiert. Es war ein langer Weg und vieles ist noch nicht perfekt, aber niemand wird bestreiten, dass es besser ist, als in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Die Ent-Dämonisierung des Feindbilds Homosexualität ist, auf vielen Ebenen, gelungen. Ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Menschen nur dann zu Sündenböcken gemacht werden können, wenn man sie nicht kennt, nicht sieht, nicht wahrnimmt. Deshalb ist es, in die Gegenwart gesprungen, folgerichtig, dass die heftigsten Ausländer- und Muslimhasser in Regionen und Städten leben, in denen es so gut wie keine Ausländer und Muslime gibt. Wie kann es gelingen, den Erfolg Harvey Milks heute zu wiederholen? Sicher: Alle, die Muslime kennen, müssen aufstehen und sich äußern. Das geschieht. Aber es scheint nicht genug kritische Masse zu geben, nicht genug Umgang, Kontakt und Austausch zwischen der Mehrheit und der Minderheit der Muslime.

Dass islamische Geistliche und Einrichtungen lange Zeit von ihrer Warte aus diesen Dialog verunmöglichten und "ihre Schafe" nicht im Umgang mit der deutschen, nicht-islamischen, Mehrheit sehen wollten und wollen, steht auf einem anderen Blatt und ist auch ein Teil der Wahrheit. Aber für die Zukunft darf das nicht entscheidend sein: Eine Mehrheit ist immer stärker als eine Minderheit und kann es mit mehr Selbstsicherheit wagen, auf die anderen, die Schwächeren (und das sind Minderheiten aller Art ja) zugehen. Deutschland braucht eine solche Initiative und neues Bündnis zur Entdämonisierung von Muslimen.

Für den Ausgang der Bundestagswahl wird entscheidend sein, wie sich Parteien im Hinblick auf Zuwanderung und Integration positionieren. Es wäre fatal, wenn die Verschärfung und rhetorische Aufrüstung, die durch die AfD bereits merklich Einzug in die Politik und Gesellschaft gefunden hat, sich beschleunigt und zu noch mehr Spaltung führen würde. Ein solches Bündnis für Begegnung kann und muss dem entgegen wirken.

Von Alexander Görlach

Der Autor

Alexander Görlach ist Visiting Scholar an der Harvard Universität in den USA. Der promovierte Linguist und Theologie forscht dort im Themenfeld Politik und Religion. Zuvor war Görlach der Herausgeber und Chefredakteur des von ihm gegründeten Debatten-Magazins "The European". Er ist Kolumnist der Wirtschaftswoche.

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