Gegen kulturelle Gleichschaltung

Michaela Pilters über das päpstliche Lob der Vielfalt

Standpunkt | Bonn - 14.12.2017

Papst Franziskus wird nicht müde, sich für die Armen und Unterdrückten einzusetzen. So hat er jetzt wieder vor einer "ideologischen Kolonialisierung" gewarnt und die Menschen in Lateinamerika aufgerufen, stolz auf ihre kulturelle und soziale Vielfalt zu sein. Er wendet sich gegen eine kulturelle Homogenisierung. Wenn sich die Lateinamerikaner "unter attraktiven Slogans" eine einheitliche Weise des Denkens, Empfindens und Lebens auferlegen ließen, machten sie das Erbe ihrer Vorfahren steril und brächten vor allem die junge Generation um ein Zugehörigkeitsgefühl. Dass der Papst aus Argentinien dabei insbesondere die indigenen Völker im Blick hat, ist klar.

Seine Mahnung ist aber auf die ganze Welt, auch auf Europa, auf Deutschland übertragbar. Wie wichtig ist uns unsere kulturelle und soziale Vielfalt? Sind wir bereit, unsere Identität und Individualität zu wahren oder uns "gleichschalten" zu lassen? Und ziehen wir vor allem die Konsequenz daraus, dass eine solche Vielfalt ohne Toleranz nicht möglich ist?

Denn was zunächst vielleicht konservativen Kräften argumentativ zu Gute kommt, hat seine zwingende Ergänzung in einem liberalen Verständnis. Die meisten Menschen würden vermutlich der Forderung zustimmen, dass die Pflege der eigenen Kultur, der eigenen Traditionen und Identität zu den grundlegenden Rechten gehört. Und wir nehmen es als selbstverständlich für uns in Anspruch, dass wir unser Brauchtum, unsere religiösen Traditionen auch leben dürfen. Dann müssen wir es aber auch aushalten, dass andere ihre eigenen Alltagskulturen haben. Wir sollten uns an der Vielfalt erfreuen, anstatt davor Angst zu haben oder Andersdenkende zu diskriminieren.

Von Michaela Pilters

Die Autorin

Michaela Pilters ist Leiterin der ZDF-Redaktion "Kirche und Leben".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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