Schachfigur
Gabriele Höfling über kirchliche Streitkultur

Geht es auch ohne Arroganz?

Gabriele Höfling über kirchliche Streitkultur

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 29.06.2018

Die Kritik von Kardinal Müller an der deutschen Kirche war umfassend und sie war scharf. Weder das Nachdenken über einen Segen für homosexuelle Paare, noch die Interkommunion mit Protestanten passen dem früheren Präfekten der Glaubenskongregation. Kardinal Marx biedere sich an die Moderne an, sagte Müller jetzt in einem Interview. Keine Frage: Hier spricht jemand, der die theologische Wahrheit für sich in Anspruch nimmt und sich auch nicht scheut, über andere Bischöfe und Kardinäle – eigentlich ja seine Mitbrüder – zu urteilen wie über Schuljungen.

Das Interview, genau wie manche Blüte im Kommunionstreit, zeigen einmal mehr: Bei allen guten Wortbeiträgen nach außen, etwa zur Flüchtlingspolitik oder dem Lebensschutz: geht es um innerkirchliche Debatten, fehlt es der katholischen Kirche oft an einer konstruktiven, wertschätzenden Streitkultur.

Leider drängt sich der Eindruck auf, dass bei manchen die mangelnde Freude am Diskutieren auch etwas mit Angst zu tun hat – davor, dass eine allzu kritische Äußerung negative Folgen haben könnte. Zwar hat der zu offenen Diskussionen anregende Franziskus hier schon eine Öffnung bewirkt. Aber vielleicht ist Ihnen ja auch der Satz bekannt "Der hat ja nichts mehr zu verlieren", wenn sich ein Kirchenvertreter am Ende seines Berufslebens aus der Deckung wagt. Ein Beispiel sind auch die Medien: Kardinal Müller hat jetzt eine "Diffamierungskampagne der liberalen und antikatholischen Medien" beklagt. Meine Wahrnehmung ist eine andere: Wer erst einmal mit einer unliebsamen Äußerung die Wut konservativer kirchlicher Internetportale auf sich zieht, der braucht schon eine sehr breite Stirn, um dem Stand zu halten.

In einem Interview Anfang der Woche hat der junge Theologieprofessor Michael Seewald gesagt, die Kirche sei nur so lange nett, wie man sage was sie gerade hören wolle. Mache man das nicht, gebe es Ärger. Innerkirchliche Kritiker würden "verketzert", "überwacht", "denunziert". Natürlich trifft diese Diagnose nicht auf die ganze Kirche zu. Trotzdem muss sie – gerade in den oberen Etagen - unbedingt an ihrer inneren Dialogkultur arbeiten. Hartes Ringen muss möglich sein  - aber auf Augenhöhe, ohne Arroganz oder Besserwisserei. Denn Glaubwürdigkeit und gegenseitiger Respekt erwachsen nicht aus dem bloßen Beharren auf Autorität, sondern aus Argumenten.

Von Gabriele Höfling

Die Autorin

Gabriele Höfling ist Redakteurin bei katholisch.de.

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