Gerechtigkeit verlangt Differenzierung

Andreas Püttmann plädiert gegen die "Ehe für alle"

Standpunkt | Bonn - 08.06.2015

Alexander Görlach nannte es am Freitag an dieser Stelle eine "Christenpflicht, Minderheiten zu ihrem Recht zu verhelfen" und forderte die "Ehe für alle". Einspruch! Zwar ist es bemerkenswert – mehr als Irlands katholische Prägung –, dass Bürger, die zu etwa 90 Prozent selbst nichts mit homosexuellen Empfindungen anfangen können, mehrheitlich für ihre "verzauberten" Mitmenschen eintreten. In einer Zeit, in der viele nur noch für ihre eigenen Interessen streiten, ein schönes Zeichen der Empathie und des Wohlwollens! Beides scheint den lautesten Gegnern der Homo-Ehe abzugehen, die sich sogar zu menschenverachtenden Vergleichen (Dann könne ja auch "das Herrchen sein Haustier ehelichen") versteigen. Furchtbare Bannerträger des Katholischen!

Aber, werter Kollege: Der Staat hat keineswegs die Aufgabe, Ungleiches gleich zu behandeln. Gerechtigkeit gebietet vielmehr, zu differenzieren. Zwar gibt es wesentlich analoge Elemente zwischen Ehe und "eingetragener Lebenspartnerschaft", die in der traditionellen Ehelehre als gegenseitige Hilfe (mutuum adiutorium) und als Mittel gegen promiske Begierde (remedium concupiscentiae) firmieren. Die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft (procreatio atque educatio prolis) als drittes Wesenselement der Ehe macht allerdings einen Unterschied, jedenfalls wenn man mit der Kirche biologische Manipulationen (Samen- oder Eizellspende, Leihmutterschaft) und die damit verbundene Verunklarung der Elternschaft im Interesse des Kindes ablehnt. Insofern überdreht hier der Gleichstellungseifer. Dass auch manche Ehen kinderlos bleiben, ändert daran nichts. Gesetze werden für den Regelfall gemacht.

Zweitens verkennt die radikale Unterscheidung von staatlicher und kirchlicher Sphäre, dass auf christlichem Kulturboden das religiöse Eheverständnis auf jenes der Res publica abstrahlt, auch nachwirkend. Drittens sollte eine Mehrheit bei einem so sensiblen Thema schon aus Klugheitserwägungen den "Durchmarsch" gegen das Votum einer starken Minderheit vermeiden, zumal wenn diese einen bis vor kurzem geltenden Standard vertritt. Die Ehe als Rechtsinstitut von hoher sozialer Relevanz braucht einen gewissen Grundkonsens, nicht nur das "Ja" der beiden Partner. Viertens gebricht es der "Ehe für alle" an Erforderlichkeit, denn das "Du, nur Du und Du für immer" kann bereits in der "eingetragenen Lebenspartnerschaft" ausgedrückt und verwirklicht werden. Diese macht der Ehe keine Konkurrenz wie die französische "Ehe light" für jedermann (PACS) als Alternative minderer Verbindlichkeit, sondern steht neben ihr für einen Personenkreis, der die Ehe nicht "fassen" kann, aber Wesenselemente ihres hohen Ideals leben will. Warum kann man es nicht dabei belassen? Tatsächlich noch virulenten Diskriminierungen in gesellschaftlichen Milieus – auch dem katholischen – wird man mit dem Eherecht als Brechstange nicht beikommen.

Der Autor

Andreas Püttmann lebt als Journalist und Publizist in Bonn.

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Von Andreas Püttmann

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