Soziale Trennungen sind riskant

Kilian Martin über Konflikte unter Flüchtlingen

Standpunkt | Bonn - 30.09.2015

Oktober 2005: In Frankreichs Banlieues brennen Autos und Häuser. Über Wochen hinweg müssen Sicherheitskräfte tatenlos zusehen, wie sich tausende vorwiegend junge Menschen ihren durch Frust gespeisten Zerstörungsorgien hingeben. Der größte Teil der Täter stammt aus Familien, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte aus arabischen und afrikanischen Staaten eingewandert waren. Die Quelle für diese Gewaltausbrüche ist denkbar simpel auszumachen: Die Jugendlichen sind chancenlos geblieben und nie Teil der französischen Gesellschaft geworden. Sie wurden nicht integriert, sondern isoliert.

Heute, zehn Jahre später, beobachten wir auch in Deutschland Gewaltszenen unter Einwanderern, die ebenfalls oft aus arabischen und afrikanischen Staaten kommen. Aus verschiedenen deutschen Flüchtlingslagern werden Prügeleien gemeldet; die Rede ist davon, dass Christen bedroht werden. Und wieder wird vorgeschlagen, die Unruhestifter zu isolieren. Auf den ersten Blick erscheint es sogar logisch, Flüchtlinge getrennt nach Nationalitäten, Religionen und Bekenntnissen unterzubringen.

Man braucht jedoch nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welche Risiken eine solche soziale Trennung bergen könnte. Syrer unter Syrern, Aleviten unter Aleviten, albanische Christen unter albanischen Christen: So kann letztlich keine Integration glücken.

Es ist klar, dass der Großteil der Flüchtlinge nicht bloß für kurze Zeit in Deutschland bleiben wird. Nach der Grundversorgung mit dem Nötigsten wartet die große Aufgabe der Integration der Einwanderer auf uns. Daran führt kein Weg vorbei, wenn wir es mit dem "christlichen Abendland" ernst meinen.

Der Vorschlag der Trennung von Flüchtlingen widerspricht diesem Ziel der Integration diametral. In der Abgrenzung kann die Pluralität der Kulturen schlichtweg nicht erlernt werden. Und doch: Möglicherweise führt in der aktuellen Situation kein Weg daran vorbei. Traumatisierten, verletzten, beschädigten Menschen darf zugestanden werden, sich nur in der eigenen Gruppe sicher zu fühlen. Wir müssen allerdings die richtigen Lehren aus der jüngsten europäischen Geschichte ziehen: Aus der ethnischen Trennung der Flüchtlingsheime darf der Weg nicht wieder in die Isolation der Banlieues führen.

Der Autor

Kilian Martin ist Volontär bei katholisch.de.

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Von Kilian Martin

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