Gewissenerforschung stünde uns gut an

Albrecht von Croy über die deutsche Asyldiskussion

Standpunkt | Bonn - 09.07.2018

Die kirchliche Beichte ist außer Mode, abgelöst offenbar durch die weniger mit Angst-Barrieren versehene weltliche Psychoanalyse. Darunter leidet vor allem ein Instrument, dass auf dem Weg zur Selbsterkenntnis eigentlich unersetzlich ist: die üblicherweise einer Beichte vorangehende Gewissenserforschung.

Wer erforscht noch sein Gewissen? Wer hält inne und fragt sich und nicht immer andere? In diesen aufgeregten politischen Tagen stünde es uns gut an. Wie sehr haben wir das Gemetzel zwischen "Schwesterparteien" mit klammheimlichen Voyeurismus verfolgt und uns vom eigentlichen Thema nur allzu gern ablenken lassen? Wie sehr haben wir dem aberwitzigen Treiben insgeheim oder gar offen eine Verlängerung gewünscht? Wie sehr haben wir unsere Debatten-Kultur zum Teufel gejagt, um das grausige Finale ungestört aus der ersten Reihe miterleben zu können?

Panem et circenses, Brot und Spiele, vernebeln meist die Sinne. Es geht immer noch, bei allem durchaus berechtigtem Streit um Missbrauch von Asyl und Gastrecht, um unsere Haltung zu Flucht, Vertreibung und zu Ertrinkenden im Mittelmeer. Es geht nicht um Rechthaberei, ob Angela Merkel im Jahr 2015 absichtlich das "Land geflutet" hat, weil sie Grenzen nicht geschlossen hat oder sie angesichts der Alternativen keine andere Lösung fand. Es geht nicht um "rechts" oder "links", es geht nicht um Merkel oder ihre Nachfolger, es geht um uns und unser Gewissen, in einem der wohlhabendsten Länder der Erde inzwischen nur noch Diskussionen über Abschottung zu führen. 

"Ich wundere mich über die Gefühlskälte, mit der das Ertrinken von Flüchtlingen in der öffentlichen Debatte hingenommen wird", sagt ZdK-Präsident Thomas Sternberg. "Das ist eine Anfrage an die Humanität unserer Gesellschaft." Hier könnte die gute alte Gewissenserforschung schon helfen: wie also steht es mit der Humanität unserer Gesellschaft? Lassen wir uns politisch verführen von der einen wie der anderen Seite oder wissen wir noch, dass unser Platz als Katholiken eigentlich immer an der Seite der wahrhaft Bedürftigen sein müsste?

Von Albrecht von Croy

Der Autor

Albrecht von Croy ist Mitherausgeber von "theo – das katholische Magazin".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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