Glaube lässt sich nicht privatisieren

Björn Odendahl über die Abschaffung des Reli-Unterrichts

Standpunkt | Bonn - 14.07.2017

Luxemburg macht im wahrsten Sinne des Wortes Tabula rasa. Die Schultafeln bleiben künftig leer – zumindest wenn es um den Glauben geht. Statt Religion wird "Leben und Gesellschaft" unterrichtet. Für die luxemburgische Regierung ist das ein Armutszeugnis. Denn auch wenn das Land nicht gerade als die Hochburg des gelebten Glaubens gilt, so bekennen sich immerhin noch etwa 40 Prozent der Bevölkerung zur Kirche.

Bis jetzt hatten Eltern die Wahl: Soll mein Kind etwas über den (eigenen) Glauben lernen oder nicht? Schon seit Jahrzehnten gab es neben dem Religions- auch den konfessionslosen Moralunterricht. Ein Zwang existierte nicht. Statt es dabei zu belassen, stülpt die liberale Regierung der Bevölkerung nun aber – so formuliert sie es –  die "Vision einer religionsneutralen Schullandschaft" über – und macht damit einen großen Fehler.

Denn Religion und Glaube können zwar aus der Schule verbannt werden, nicht aber aus der Lebenswelt der Menschen – und damit auch nicht aus der Gesellschaft. Wer das denkt, hat ein falsches Verständnis von der Trennung zwischen Staat und Kirche. Der Glaube lässt sich nie losgelöst als abstraktes Etwas denken. Er ist immer mit dem Denken und Handeln des jeweiligen Gläubigen verbunden. Wenn wir Menschen im Alltag helfen, tun wir das auch als Christen. Wenn wir uns in Debatten um Sterbehilfe oder Abtreibung einmischen, tun wir das auch als Christen.

Religion zur Privatsphäre erklären zu wollen, ist also nicht nur unmöglich. Er raubt Staat und Kirche außerdem die Chance, als gesellschaftliches Korrektiv wirken zu können. Was passiert, wenn dieses Korrektiv fehlt, sieht man etwa dann, wenn Hinterhof-Imame statt muslimische Religionslehrer die religiöse Deutungshoheit haben. Und wer glaubt, dass das Christentum nicht ebenfalls manipulierbar ist, sollte einmal einen Blick in die Geschichtsbücher werfen.

Auch für Deutschland, wo nicht wenige Menschen eine Abschaffung des Religionsunterrichts fordern, sollten uns die Vorgänge in Luxemburg eine Mahnung sein. Und ein Ansporn zu erklären, was der Religionsunterricht eigentlich ist – und was nicht. Es geht darum, etwas über den Glauben zu lernen und nicht darum, den Glauben zu vermitteln. Er ist keine Katechese. Es geht um Respekt und Wertschätzung und nicht um Indoktrination oder Manipulation. Der Religionsunterricht schadet einer immer säkulareren und pluralistischeren Gesellschaft nicht, sondern bereichert sie. Genauso wie die Religionen selbst.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redakteur bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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