Wertvoller als eine halbe Milliarde

Joachim Frank über das Leonardo-Bild Salvator Mundi

Standpunkt | Bonn - 20.11.2017

Die Sensationsnachricht, vorige Woche in Eilmeldungen aufs Smartphone gepusht, hatte durch den Zwang zur Kürze etwas unfreiwillig Hintersinniges: Höchstpreis für Salvator Mundi.

Für 450 Millionen US-Dollar hat da ein Unbekannter beim Auktionshaus Christie‘s den Heiland ersteigert. Klar, es handelt sich dabei nur um sein Porträt. Aber halt eines, das Leonardo da Vinci vor 500 Jahren gemalt hat. Oder gemalt haben soll. Die Kunsthistoriker sind sich darüber nicht ganz einig. Und wahrscheinlich hätte der anonyme Bieter das gleiche Geld auf den Tisch gelegt, wenn das Tafelbild nicht den Erlöser, sondern – sagen wir – einen Bacchus, eine Dame mit Hermelin oder eine Florentiner Bankierstochter (Sujets aus Leonardos Oeuvre) gezeigt hätte, vielleicht auch einen Kampfpanzer oder eine Flugmaschine, um zwei Technikstudien des Universalgenies zu nennen. Bei nur 16 erhaltenen, mehr oder weniger anerkannten Originalgemälden zählt für den Marktwert die Verknappung, nicht der Inhalt.

Obwohl nur die wenigsten von uns 380 Millionen Euro flüssig haben und – wenn ja – damit wohl andere Pläne haben dürften, regt diese Kapitalanlage in Kunst die Phantasie an: Wofür würden wir solch eine Unsumme ausgeben? Und dann doch in die Sphäre des Glaubens gewendet: Wieviel ist er uns eigentlich wert, der Salvator Mundi?

Die Frage hat er selbst aufgeworfen. In seinen Gleichnissen beweist Jesus immer wieder einen ausgesprochenen Sinn fürs Ökonomische, etwa in der Episode vom verborgenen Schatz im Acker als Sinnbild des Himmelreichs, um dessentwillen der Entdecker alles verkauft, was er hat. Diese ganz und gar unvernünftige Entscheidung beweist einen Sinn des Investors fürs Existenzelle - für das, worauf es im Leben ankommt. Kann es für den Christen anders sein, als dass ihm immer dann, wenn er aufs Ganze geht, das Bild Jesu begegnet?

In Leonardos Version ist es – wie Experten nicht ohne ein Zucken der Mundwinkel vermerken – das Bild eines Jünglings mit zartem Teint, Kinnflaum, femininen Korkenzieherlocken und jenem unwiderstehlichen Ausdruck der Augen, der mit "Schlafzimmerblick" natürlich höchst unbotmäßig beschrieben wäre. Eine männliche Mona Lisa, gekleidet in Madonnenblau?

Abseits des Sinnierens über das androgyne Erscheinungsbild und jenseits aller Verstiegenheiten in Dan-Brown-Manier ist Leonardos Jesus kein strenger Richter, sondern ein sanftmütiger Erlöser. Dieser Heiland offenbart seine Macht im Erbarmen und im Verschonen. Das Werk des Alten Meisters als Gottesbild für unsere Tage. Unendlich wertvoll - und teurer als die halbe Milliarde, für die es bei Christie’s den Besitzer gewechselt hat.  

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger", der "Berliner Zeitung" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

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