Liturgische Bewegung – oder Stillstand

Felix Neumann über Benedikt XVI. und den Gottesdienst

Standpunkt | Bonn - 05.10.2017

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de

Benedikt XVI. zeichnet im gerade wieder neu veröffentlichten Vorwort zur russischen Ausgabe seiner Schriften zur Liturgie ein dunkles Bild einer gottvergessenen Gegenwart. "Im Bewusstsein der heutigen Menschen ist die Sache Gottes und damit die Liturgie überhaupt nicht dringend", konstatiert er. Der emeritierte Papst zeigt sich tief pessimistisch über die Gegenwart; durchaus im Geist des Zweiten Vatikanums will er die Liturgie wieder zu ihren Quellen führen. Er erinnert an den heiligen Benedikt, der seinen Mönchen aufgetragen hat, nichts dem Gottesdienst vorzuziehen.

Dass die Gottesfrage, die Sehnsucht nach Gott heute fremder geworden ist, wird wohl kaum jemand bestreiten. Wie existentiell vor 500 Jahren diese Frage den jungen Augustinermönch Martin Luther umgetrieben hat, kann heute wohl kaum jemand wirklich nachvollziehen. Doch statt "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?", lautet die Gottesfrage heute, wenn überhaupt, wohl für viele eher: "Wozu brauche ich überhaupt einen gnädigen Gott?".

Benedikt XVI. sieht die Liturgie als Schlüssel, die Gottesfrage und damit den Himmel aufzuschließen – und ein "Missverständnis" der Liturgiereform als Wurzel des Übels: Zu pädagogisierend, zu aktivistisch kommen für ihn heute Gottesdienste daher. (Man mag sich fragen: Wo erlebt er solche Gottesdienste überhaupt?)

Stille, Mysterium, Kontemplation, Betrachtung – das sind wichtige Aspekte der Liturgie. Aber nicht die einzigen; und darum ging es auch den Erneuerern der Liturgie. Was Gottesdienste nach dem Zweiten Vatikanum, nach der liturgischen Bewegung ausmacht, das sind nicht nur die Zerrbilder, die – wo es sie gibt – Benedikt durchaus zutreffend beschreibt: Die "Erziehung", die der Emeritus beklagt, ist störend, wenn sie besserwisserisch, von oben herab kommt – aber Liturgie nimmt auch im fürbittenden Gebet, in der Erinnerung und Wiederholung des Kreuzestods und der Auferstehung das Leid der Welt und die Hoffnung der Gnade Gottes mit in die Feier. Wo, wenn nicht im Zentrum des christlichen Lebens, der Eucharistiefeier, sollen "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art" "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi" werden? Im Zentrum der Liturgie steht Gott – aber der Gott, der den Menschen liebt und nach seinem Bild geschaffen hat – kein Gott, der Mysterienkulte und Opfer verlangt.

"Aktivismus" und "Kreativität" können über das Ziel hinausschießen, können ungelenk, unpassend, trivialisierend, ohne Gefühl für die Dramaturgie der Liturgie sein – aber die "aktive Teilhabe" an der Liturgie ist auch die erinnernde Wiederholung des Mahls, das Christi mit der Gemeinschaft seiner Jünger gefeiert hat. "Brannte uns nicht das Herz", sagten die Jünger nach dem Ereignis, das ein Urbild unserer Eucharistiefeier ist. Die vielen liturgischen Bewegungen greifen dieses Brennen auf; versuchen es – ja, kreativ, schöpferisch – neu zu entfachen, in der Sprache und Ausdrucksform, die der jeweiligen Kultur eigen ist – und mit dem Risiko, das sich nicht alles für die Ewigkeit bewährt.

Die Gottesfrage drängt; das für die Menschen plausibel zu machen, die sie nicht drängt, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche heute. Die würdige Feier der Liturgie ist dafür zentral: Aber die kann auch aktiv, kreativ, mit brennendem Herzen für die Menschen gefeiert werden – gerade dann ist Gott nicht "dunkel" in ihr.

Von Felix Neumann

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Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de.

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