Macht und Missbrauch

Felix Neumann über sexualisierte Gewalt in der Kirche

Standpunkt | Bonn - 24.05.2018

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de

Zum Glück ist Missbrauch weiter Thema in der Kirche: Australien und Chile sind zu recht in den Schlagzeilen. Vertuschen und Wegsehen scheinen endlich Konsequenzen zu haben. Weltweit wächst die Sensibilität für den Schutz von Kindern und die Notwendigkeit von Missbrauchsprävention.

Angesichts dieses wachsenden Bewusstseins irritiert eine Aussage des vatikanischen Sonderermittlers, Jordi Bertomeu Farnos. Im Unterschied zu den Missbrauchsskandalen in den USA und in Irland gehe es in Chile nicht nur um sexuellen Missbrauch, sondern auch um den von Macht, wird er von den Agenturen zitiert.

Wer die Debatte um Missbrauchsprävention in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wundert sich darüber: Als ob es eine chilenische Besonderheit sei, dass sexualisierte Gewalt mit Macht zu tun hat. Als ob in den USA, Irland oder auch Deutschland Macht und Autorität keine Rolle dabei gespielt hätten, dass sich über Jahrzehnte Schweigekartelle halten konnten. Diese Verbrechen lassen sich nicht auf eine missgeleitete Sexualität reduzieren und individualisieren. Die persönlich verantwortlichen Täter handeln in einem Umfeld, das Missbrauch begünstigt hat, und ihre persönliche Macht ist ein wesentlicher Aspekt davon.

Das ist einer der Gründe, warum trotz höchster moralischer Standards systematischer Missbrauch möglich war. Denn über Macht spricht man in der Kirche nur ungern. In der Kirche gebe es keine Macht, nur Vollmachten, hört man dann etwa. Das Priesteramt habe nichts mit Macht zu tun, also sei es dabei auch verfehlt von dieser Kategorie zu sprechen, etwa bei der Frage nach der Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

Natürlich gibt es in der Kirche Macht, ob man das gut findet oder nicht. Es gibt geistliche Macht und Autorität, die Seelsorger über die Gläubigen ausüben – und die Gläubigen ihren Seelsorgern zusprechen. Es gibt weltliche Macht, die kirchliche Arbeitgeber über Arbeitnehmer ausüben. Es gibt eine Mischung daraus, die kirchliche Vorgesetzte über Mitarbeiter, Gläubige und Schutzbefohlene ausüben. Mit Macht hat es auch zu tun, wenn ganze Gemeinden nicht sehen wollten, was ihr Pfarrer tut.

Ein wesentliches Element von Missbrauchsprävention ist es, diese Machtstrukturen offenzulegen und zu reflektieren, nicht zu leugnen – und zwar praktisch wie theologisch. Denn nur was offen liegt, kann auch kontrolliert werden. Nicht nur in Chile.

Von Felix Neumann

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Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de.

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