Massengrab Mittelmeer

Tilmann Kleinjung über Flüchtlingspolitik

Standpunkt | Bonn - 05.12.2017

Tilmann Kleinjung ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk in München

Im Jahr 2009 hat der Jesuiten-Flüchtlingsdienst auf Malta eine kleine Broschüre veröffentlicht mit einem Titel, der eine einfache Frage stellt: "Do they know?" Wissen sie? Diese Frage beschäftigt mich immer wieder, denn sie hinterfragt unser Tun wider besseres Wissen. In der Broschüre der Jesuiten ist es ein Flüchtling, der an die internationale Staatengemeinschaft appelliert: "Wissen sie, was in libyschen Gefängnissen mit uns geschieht?" Folter, Vergewaltigung, Entrechtung. Das ist heute nicht anders als vor acht Jahren. Gerade hat der Nachrichtenkanal CNN ein Video veröffentlicht, auf dem ein Sklavenmarkt in Libyen zu sehen ist. Junge Afrikaner werden als Landarbeiter für mehrere hundert Dollar versteigert. Auch das ist keine neue Entwicklung. Flüchtlinge, die es nach Italien schaffen, bestätigen finstere Berichte von Sklaverei und Menschenhandel. 

Und dennoch verfolgt  die Flüchtlingspolitik der EU gerade ein Ziel:  Sie will verhindern, dass Flüchtlinge von Libyen nach Europa kommen.

Die italienische Marine unterstützt die Küstenwache Libyens dabei, möglichst viele Flüchtlinge abzufangen und in das unsichere Bürgerkriegsland zurückzubringen. Private Seenotretter wurden kriminalisiert und in ihrer Arbeit eingeschränkt. Ein Staatsanwalt in Sizilien unterstellte den freiwilligen Helfern Handlanger der Schlepper zu sein. Beweise dafür hatte er nicht.

Seit Jahresbeginn sind rund 2.800 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Das Mittelmeer ist kein Friedhof, wie Papst Franziskus vor dem Europaparlament in Straßburg noch gewarnt hatte, sondern ein Massengrab. Die Rettungsboote von "Sea Watch", von "Ärzte ohne Grenzen", von "SOS mediterranee" sind die einzig mögliche Reaktion auf diese Katastrophe. Was wäre denn die Alternative? Die Menschen sehenden Auges ertrinken lassen oder sie zurückschicken in die Hölle von Libyen? Auf diese Frage kann es nur eine Antwort geben: Nein, denn wir wissen was wir tun.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk in München.

Der Autor auf Twitter

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017