Mehr Gelassenheit

Stefan Orth über den Gender-Flyer der Bischofskonferenz

Standpunkt | Bonn - 05.11.2015

Es ist nur ein Flyer. Doch die Aufregung ist – wieder einmal – groß. Vor kurzem haben die beiden Arbeitsstellen für Frauen- sowie Männerseelsorge der deutschen Bischöfe zusammen eine Broschüre zur sogenannten Gender-Debatte vorgelegt. Darin versuchen sie, aus kirchlicher Sicht Orientierung für ein unübersichtliches Terrain zu geben. Um welche Fragen geht es eigentlich bei den Gender-Theorien?

Welche Anliegen sind aus christlicher Sicht berechtigt? Und wo schießen manche Vertreter über das Ziel hinaus? Zwischenzeitlich haben sich bereits mehrere deutsche Bischöfe von dem Papier distanziert, auch andere kritische Stellungnahmen wie etwa die des Verbands "katholischer deutscher Lehrerinnen" gibt es. Hier zeigt sich abermals, in welchem hohen Maß das Thema zum innerkirchlichen Kulturkampf taugt.

Dabei sind Differenzierungen mehr als notwendig. Das gilt für die ganz unterschiedlichen Ebenen angesichts des Schlagworts "Gender". Da geht es um das biologische Geschlecht, geschlechtliche Identität, die Ausrichtung des sexuellen Begehrens und die Diskussion über gesellschaftliche Rollenbilder sowie das Streben nach Gleichberechtigung. Es wäre notwendig, angesichts dieser unterschiedlichen Themen erst einmal zu versuchen, von eigenen Vorurteilen abzusehen und die jeweiligen Argumente der verschiedenen Wissenschaften einschließlich der theologischen Reflexion zu prüfen. Natürlich wird man dann auch auf abstruse Vorstellungen von Strömungen innerhalb der Sexualpädagogik beispielsweise aufmerksam machen dürfen.

Auf dem Holzweg ist man aber dort, wo man im Stil des 19. Jahrhunderts eine vermeintliche Bedrohung der eigenen Position zu einem als "Ismus" etikettiertes Feindbild stilisiert – in diesem Fall den "Genderismus". Solche Konstrukte haben den Nachteil, das sie niemand vertritt. Stattdessen sollte man sich erst einmal auf die Diskussion einlassen. Und genau dazu möchte der Flyer anregen.

Zur Person

Dr. Stefan Orth ist stellvertretender Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Stefan Orth

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