Müller, Meisner und der Papst

Joachim Frank über den Kommunikationsstil in der Kirche

Standpunkt | Bonn - 07.07.2017

In der Mathematik bestimmt das Vorzeichen vor einer Klammer, ob das Ergebnis der Gleichung dahinter positiv oder negativ ist. In der Kirche ist es ganz ähnlich. Dass Papst Franziskus die Amtszeit von Kardinal Gerhard Ludwig Müller als Präfekt der Glaubenskongregation nicht verlängert hat, ist sein gutes Recht. Kritiker sagen nun, mit dem angeblichen Klimawandel im Vatikan sei es offensichtlich doch nicht so weit her, weil der päpstliche Wettermacher genau so agiere wie seine Vorgänger auch: Gegner und Abweichler werden geschasst – ob sie nun Leonardo Boff, Jacques Gaillot oder Eugen Drewermann hießen, wie unter Johannes Paul II., oder Raymond Burke und Müller, wie jetzt unter Franziskus.

In der katholischen Klammer also ein "Semper idem". Jetzt aber kommen die Rechenkünstler von Rechts ins Spiel: War früher das Durchgreifen gegen Befreiungs- und andere Genitiv-Theologen im Sinne der Rechtgläubigkeit und der Autorität des Lehramts geboten (Vorzeichen positiv), ist die  Abwehr von Torpedo-Angriffen auf das vom dogmatischen Panzerkreuzer zum barmherzig-synodalen Rettungsboot umfunktionierte Schiff  der Kirche heute eine fatale Fehlentwicklung (Vorzeichen negativ).

Scheinbar neutrale Gleichungen erweisen sich als politische Manöver. Kardinal Müller hat das in einem Interview mit der "Passauer Neuen Presse" vom Donnerstag dankenswert deutlich vorgeführt. Franziskus, klagt der Kardinal, habe ihn kurz und bündig, umstandslos und ohne Begründung vom Ende seines Mandats in Kenntnis gesetzt. "Diesen Stil kann ich nicht akzeptieren. Auch als Bischof kann man mit Leuten nicht so umgehen." Vorzeichen erkannt? Vom inakzeptablen Umgang Müllers könnten ehemalige Regensburger Laien-Vertreter, Angehörige von Missbrauchsopfern und auch so mancher Journalist jedenfalls eine lange Litanei singen.

Eingebettet ist die Kritik am Papst ausgerechnet in Müllers Reaktion auf den Tod seines Kölner Mitbruders Joachim Meisner samt Wiedergabe der "tiefen Betroffenheit", mit der Meisner am Telefon Müllers Ablösung aufgenommen habe. "Das hat ihn persönlich bewegt und verletzt – und er sah es als einen Schaden für die Kirche an."

Kann es wirklich sein, dass der wortgewaltige Kardinal so gar kein Gespür für Subtexte hat? Nach seinem Telefonat am Dienstagabend erlebt Meisner – gesundheitlich nach eigenem Bekunden wohlauf, geistlich aber bekümmert und "sehr besorgt" – das Ende des nächsten Tages nicht mehr…

Dem Bericht über das womöglich letzte Gespräch Meisners und dessen Reaktion auf seine Personalie lässt Müller noch einen Disclaimer folgen: "Das spricht jetzt natürlich für mich. Aber es ist eine Tatsache, dass er es so ausgedrückt hat." Letzteres mag sein. Ersteres hingegen – kaum. Kommunikation ist auch in der Kirche eine Stilfrage.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger", der "Berliner Zeitung" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

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