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Neuer Antisemitismus!

Joachim Valentin über ein medienpolitisches Desaster

Standpunkt | Bonn - 19.06.2017

Die deutsche Medienöffentlichkeit ist in Aufruhr. Nicht wegen des Todes von Altbundeskanzler Helmut Kohl, nicht wegen der Kasseler documenta oder dem erneuten Papstbesuch von Angela Merkel, sondern weil der Sender Arte eine von ihm selbst beauftragte Dokumentation über Antisemitismus ("Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa") abgelehnt und unter Verschluss gehalten hat. Auf "bild.de" wurde der 90 Minuten lange Film am vergangenen Dienstag für 24 Stunden online gestellt, obwohl die Rechte dafür noch bei "arte" und WDR liegen dürften. Nur eine Marginalie des medienpolitischen Kampfes zwischen einem massiv an Auflage verlierenden Printmedium und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Der Film vertritt in seiner Gesamtaussage zwar allein die Position Israels, enthält aber als Frucht detaillierter Recherche eine Vielzahl teilweise wenig bekannter Informationen über einen dämonisierenden Antizionismus in Europa und im Nahen Osten, der unter Verdrehung der Tatsachen ("Genozid in Gaza", "faschistische israelische Politiker" etc.) vor allem in der deutschen und europäische Linken, im gewaltbereiten Islam, aber auch in kirchlichen Kreisen weit verbreitet zu sein scheint. Nicht erst die Unterstützung von Pax Christi für die weltweit agierende Israel-Boykott-Aktion "BDS" (boykottieren, deinvestieren, sabotieren) hat eine antizionistische Radikalisierung auch in Teilen des (links-)katholischen Milieus offenbart. Wenn auch in den christlichen Kirchen der Konsens zu Recht weit verbreitet sein dürfte, die rechtpopulistische Politik der aktuellen israelischen Regierung müsse öffentlich kritisiert werden, zeigt doch der Film (inzwischen auch auf youtube), dass das in Kirchen und Zivilgesellschaft stillschweigend Tolerierte über solch legitime Kritik weit hinausgeht.

Die Forderung maßgeblicher jüdischer Intellektueller wie Michael Wolffsohn und des Zentralrates der Juden nach einer "legalen" Ausstrahlung des Filmes hatte inzwischen Erfolg: Das Erste hat sich inzwischen entschieden, die Doku am Mittwoch um 22.15 Uhr auszustrahlen – mit anschließender Diskussion bei "Maischberger". Dass aber der Eindruck entstehen konnte, in Deutschland gäbe es nicht nur offenen Antisemitismus, sondern auch eine latent antisemitische TV-Zensur, stellt vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein medienpolitisches Desaster dar, das durch beherztes Handeln hätte vermieden werden können. Auch wenn es sich bei "arte" um rechtliche und bei der langatmigen Prüfung durch den WDR um überschaubare handwerkliche Probleme der Dokumentation gehandelt haben sollte (Betroffene seien mit den im Film gegen sie erhobenen Vorwürfen nicht konfrontiert worden): Die Debatte, die dieser Film jetzt schon ausgelöst hat, war innerhalb wie außerhalb der Kirchen überfällig und wird nun hoffentlich ehrlich geführt.

Von Joachim Valentin

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und stellvertretender Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.

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