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Nicht nur Schall und Rauch

Stefan Orth über die UNESCO-Erklärung zum Jerusalemer Tempelberg

Standpunkt | Bonn - 26.10.2016

Der Jerusalemer Tempelberg hat in allen drei monotheistischen Religionen eine herausragende Bedeutung. Für das Judentum gilt das in besonderer Weise, weil dort der Tempel stand, bis der zweite im ersten Jahrhundert zerstört wurde. In diesem hat Jesus von Nazareth gebetet, das Christentum ist ohne die biblischen Bezüge auf den Tempel nicht zu verstehen. Heute stehen auf dem Plateau Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee als wichtige muslimische Heiligtümer, während für die Juden die Westmauer zu einer zentralen religiösen Stätte geworden ist.

Bis heute kristallisieren sich an diesem Ort aber auch die Konflikte zwischen Juden und Muslimen – vor allem seit Ariel Scharon im Jahr 2000 in Begleitung von zahlreichen Sicherheitskräften auf den Tempelberg gekommen ist. Nicht nur die zweite Intifada war die Folge, der Nahostkonflikt insgesamt hat sich dadurch verschärft. Seit 2014 versuchen Juden vermehrt, auf dem Tempelberg auch Gottesdienste zu feiern.

Man muss nur einmal rund um den Felsendom gehen, die angespannte Situation ist dort mit Händen zu greifen: Zwischen christlichen Touristen und muslimischen Pilgern werden jüdische Schulklassen oder Jugendgruppen von Soldaten über das Gelände eskortiert. Und wenn es zu Provokationen kommt, werden ultra-orthodoxe Juden auch einmal durch das israelische Militär vom Terrain geleitet. Weder sie noch die muslimische Stiftungsverwaltung haben ein Interesse an Eskalation. Beide wissen, dass sich die Lage dann für alle verschlechtern wird.

Umso erstaunlicher ist es da, dass ausgerechnet die UNESCO jetzt mit einer Resolution Öl ins Feuer geschüttet hat. In dem Dokument über den Status von Ost-Jerusalem wird ausschließlich vom "Haram Al-Scharif" gesprochen und damit nur die muslimische Bezeichnung verwendet. Auch sonst findet sich wenig Verständnis für die jüdische Sicht der Dinge. Die Erklärung wurde von arabischen Staaten eingebracht.

Namen sind, auch und gerade im Nahen Osten, eben nicht nur Schall und Rauch. Sie artikulieren in diesem Fall Herrschaftsansprüche und beinhalten jeweils eine eigene Geschichtstheologie. Man mag bedauern, dass die Mehrheit der Protagonisten im Nahen Osten viel zu oft ausschließlich von den eigenen Leiderfahrungen her fühlt, denkt, argumentiert und kaum zum Perspektivenwechsel bereit sind. Weil das so ist, muss man aber von einer Einrichtung der Vereinten Nationen verlangen, dass sie deutlich sensibler agiert.

Von Stefan Orth

Der Autor

Dr. Stefan Orth ist stellvertretender Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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