Pädagogische Gewalt und "Gott spielen"

Monika Metternich über den Missbrauch bei den Domspatzen

Standpunkt | Bonn - 24.07.2017

Im Abschlussbericht zu den Missbrauchsvorwürfen bei den Regensburger Domspatzen fällt vor allem die sadistische Grausamkeit auf, der insbesondere die Jüngsten und Schwächsten hilflos ausgeliefert waren. Die Opfer berichten von der Angst, die "bis heute mein ständiger Begleiter" ist. Und: Die Erzieher hätten "uneingeschränkt Gott" gespielt. Dass diese Facette nicht viel mehr im Zusammenhang mit Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen besprochen wird, erscheint als echtes Manko.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Vor einiger Zeit erzählte ein alter Herr, der in seiner Schulzeit in einem katholischen Ordensinternat Opfer von sogenannter pädagogischer Gewalt geworden war, von einer speziellen Bestrafung, die dort praktiziert wurde: das "Hinknien": Die für vergleichsweise Nichtigkeiten zu bestrafenden neun-, zehn-, elfjährigen Jungs mussten mit nackten Beinen stundenlang auf dem Steinboden der Krypta knien. Wer dabei umkippte, dem wurde die "Kniezeit" verlängert. Dass den alten Herrn sein Leben lang schwere Probleme mit seinen Knien plagten, war die physische Folge. Was aber richtete solche Gewalt in den Seelen an? Die Strafe wurde von Patres, also Gottesmännern, verhängt. In einer Kirche. Und das Knien war doch eigentlich dem Gebet vorbehalten. In die "pädagogische Strafe" floss also viel mehr als nur die körperliche Qual: Der Schmerz, die Grausamkeit, die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein stand für die Kinder in einem direkten Kontext mit Gott.

Überträgt man diese Erfahrung auf das Geschehen bei dem Domspatzen, das an vielen Stellen ähnliche Anklänge enthüllt ("uneingeschränkt Gott gespielt"), realisiert man, inwieweit die Kirche als Ganze von den Taten (viel zu vieler) Einzelner betroffen ist. Es ist keine "Sippenhaft", die ihr für längst vergangene Untaten aufgezwungen wird, wie manche meinen.  Es geht um die Opfer innerhalb der Gemeinschaft derer, die an Gott glauben. Es bedarf der Anerkenntnis der kirchlichen Gemeinschaft, dass da Böses, Verderbliches geschehen ist. Dies "aus Liebe zur Kirche" zu relativieren, wegzuschieben oder gar zu negieren, hieße sich gegen das Evangelium zu stellen, das nirgends rigoroser ist als dort, wo es um "diese Kleinen" geht.

Von Monika Metternich

Die Autorin

Monika Metternich ist Religionspädagogin, Schriftstellerin und Journalistin.

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