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Revolutionäre Päpste

Hans-Joachim Höhn über den "Fast-Rücktritt" von Benedikt XVI.

Standpunkt | Bonn - 08.07.2016

Seit einigen Tagen wird kräftig die Werbetrommel für ein neues Papstbuch gerührt. Dabei geht es nicht um den amtierenden Papst, sondern um seinen Vorgänger. Allerdings sorgt nicht Benedikt XVI. persönlich für Schlagzeilen. Das übernehmen andere – vor allem ein Münchner Verlag, der im Herbst einen Band mit "letzten Gesprächen" zwischen dem emeritierten Papst und einem deutschen Journalisten herausbringt. Reißerisch wird angekündigt, dass man nun endlich mit präzisen Details über die Hintergründe seines Rücktritts informiert wird.

Dieser plötzliche Amtsverzicht beschäftigt in der Tat noch immer viele Kirchenkreise. Mancher Kuriale mag sich nicht mit ihm abfinden und konstruiert ein Papsttum, das von Franziskus "aktiv" und von Benedikt "kontemplativ" ausgeübt werde. Für viele andere Zeitgenossen war der Rücktritt dagegen ein wichtiger Schritt zur Entmystifizierung des höchsten Kirchenamtes. Außerdem lässt sich eine Doppelspitze allenfalls auf dem Fußballfeld aufstellen. Der Stuhl Petri ist dafür nicht breit genug.

Papst Franziskus hat vor wenigen Tagen seinen Vorgänger einen "Revolutionär" genannt und damit direkt auf seinen Amtsverzicht angespielt. Wer nach charakteristischen Merkmalen revolutionären Seins und Handelns fragt, muss eine Liste recht eindeutiger Eigenschaften aufstellen: umwälzend, einschneidend, radikal, richtungweisend, kompromisslos.

All dies wäre Benedikt gewesen, hätte er sich nicht nur in die Abgeschiedenheit der Vatikanischen Gärten und in die Stille des Gebets zurückgezogen, sondern auch die weiße Amtstracht abgelegt, auf das Führen des Wappens mit den Petrusschlüsseln und auf die Anrede "Heiligkeit" verzichtet. Der eigentliche revolutionäre Akt eines Rückstritts steht daher noch aus. Vielleicht erfolgt er von einem seiner Nachfolger durch ein entsprechendes Dekret: "Wer auf das Papstamt verzichtet, ist wieder, was er vorher war!"

Dann wäre auch der Unterschied zwischen einem politischen und einem spirituellen Revolutionär deutlicher erkennbar: Der eine will unbedingt nach oben, der andere hält es dort nicht aus. Der eine setzt alle Hebel in Bewegung, um an die Macht zu kommen. Der andere legt alle Insignien der Macht aus der Hand – mit allen Konsequenzen.

Der Autor

Dr. Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln.

Hinweis

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Von Hans-Joachim Höhn

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