Schärft eure Argumente!

Matthias Drobinski über Kirchen in der Flüchtlingspolitik

Standpunkt | Bonn - 14.11.2017

Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat gesagt, die Art und Weise, wie die Kirchen in der Flüchtlingskrise für eine möglichst offene Flüchtlingspolitik eingetreten seien, hätten viele Menschen als übermoralisch empfunden, nach dem Motto: Wer für die Obergrenze beim Asyl ist oder gegen den Familiennachzug, ist kein guter Mensch, Bürger, Christ. Da hat er Recht, und es ist gut, dass er da so selbstkritisch ist.

Man kann mit guten Gründen für ein Asylrecht für politisch Verfolgte ohne jede Obergrenze sein und dafür, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ihre Familie nach Deutschland holen können – gute juristische, politische, ökonomische und auch moralische. Nur: Wer das so meint und sagt, verkündet nicht das Evangelium und auch kein Dogma ex Cathedra, der ruft nicht den Bekenntnisnotstand aus. Der muss damit rechnen und in Kauf nehmen, dass in der gleichen Freiheit eines Christenmenschen, manchmal sogar unter Zuhilfenahme der gleichen ethischen und moralischen Maßstäbe, Menschen zu einem anderen Ergebnis kommen, ohne dass sie deshalb des Teufels sind. Wer, wie unisono die evangelischen wie katholischen Bischöfe, gegen Stacheldrahtgrenzen und für in Deutschland vereinte Familien eintritt, sollte das laut tun und dafür streiten – aber nicht den Gestus des moralisch Überlegenen verbreiten. Das schadet dem eigenen Anliegen. Vor allem aber ist es unfair, dem Gegenüber abzusprechen, die eigene Meinung jenseits aller moralischen Überlegungen getroffen zu haben.

Das hat seine Grenze dort, wo Rassismus, Ausländer- und Islamfeindschaft beginnen, wo der Verdacht und die Abwertung des Anderen das Argument ersetzt. Ansonsten ist der faire Meinungskampf gefragt. Er darf hart sein, es geht ja auch um viel, um Grundsätzliches. Aber das Argument durch die Moral zu ersetzen, statt an der Moral das Argument zu schärfen, hilft so wenig weiter wie dummdumpfer Hass. Das müssten nun nur noch jene begreifen, für die Kirchenleute nichts als doofe "Gutmenschen" sind. Die hätten jetzt nämlich auch was zu lernen.

Von Matthias Drobinski

Der Autor

Matthias Drobinski ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und dort unter anderem für die Berichterstattung über Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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