Schicksalsergeben das Leben leben

Matthias Drobinski über Fatalismus in Zeiten des Terrors

Standpunkt | Bonn - 21.07.2016

In Nizza nimmt einer an Frankreichs Nationalfeiertag den Lastwagen und fährt 84 Menschen tot. Die Bilder drehen einem noch Herz und Hirn und Magen um, da drängen sich die nächsten in den Kopf: Ein Hubschrauber beschießt das türkische Parlament in Ankara - ein Putschversuch mit hunderte Toten. Die Welt scheint aus den Fugen zu sein, zumindest sind ihre Probleme und Abgründe dem wohlgeordneten Deutschland ganz schön nahe gerückt.

Man kann sich nun ängstigen, öffentliche Plätze meiden und den Urlaub stornieren. Man kann Wut und Hass auf Pegida-Demos herausschreien oder im weltweiten Netz verbreiten, wo man dann noch mehr wütende Hasser findet. Oder man kann sich in der Tugend eines recht verstandenen Fatalismus üben.

Der Fatalismus, die Schicksalsergebenheit also, hat einen schlechten Ruf. Ist sie nicht das Merkmal der Angepassten und Faulen, die sich unter allem wegducken und sagen: Man kann doch sowieso nichts machen? Es stimmt: Fatalismus verbietet sich für Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte im Dienst, er darf keine Entschuldigung sein, dort etwas zu tun, wo man etwas ändern kann, zumindest könnte. Darum geht es nicht. Aber man kann eben nicht immer sein Schicksal in der Hand halten, sein Leben planen, absichern und versichern, wie sehr man das auch eingeredet bekommt.

In Steven Spielbergs Film "Bridge of Spies" geht es um einen sowjetischen Spion, der erst in den USA auf den elektrischen Stuhl soll und dann fürchten muss, von den eigenen Leuten als Verräter nach Sibirien geschickt zu werden. "Machen Sie sich denn gar keine Sorgen?", fragt ihn sein Verteidiger. Abel verzieht spöttisch den Mund und fragt zurück: "Würde es denn helfen?"

Würde es denn helfen? Der Satz bringt den Wert des Schicksalsergebenen auf den Punkt. Es hilft nichts, zu grübeln, ob der Lebensfaden schon durchschnitten ist oder nicht, wenn man es ohnehin nicht ändern kann. Die Hinnahme des Unabänderlichen, des imperfekten Lebens, macht frei: Angst, Zorn und Wut machen krank, einen selber und andere. Man kann die Frage, was aus einem wird, lächelnd an eine höhere Instanz abgeben. Und das Leben leben.

Der Autor

Matthias Drobinski ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und dort unter anderem für die Berichterstattung über Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Matthias Drobinski

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