Schluss mit den Floskeln!

Theresia Lipp über fehlende Antworten in der Kirche

Standpunkt | Bonn - 23.07.2018

Es gibt Sätze im kirchlichen Bereich, für die man sich beinahe einen neuen Index wünscht – zumindest, wenn sie mit einer gewissen Regelmäßigkeit verwendet werden. Dazu zählt "Die Kirche denkt in Jahrhunderten", zuletzt gehört als Antwort auf die Frage, wann die neue Einheitsübersetzung aus dem Jahr 2016 vollständig in die liturgischen Bücher übernommen werden wird. Über diesen Satz lacht man beim ersten Mal herzhaft, beim zweiten Mal gelingt vielleicht noch ein müdes Lächeln. Ab dem dritten Mal schleicht sich jedoch der Verdacht ein, dass mithilfe dieser Wendung grundsätzlich niemand erklären muss, warum dieses oder jenes Projekt wieder einmal so lange dauert.

Noch gravierender ist ein anderes Beispiel. Ein Vertreter der Kirche wird von einem engagierten Gemeindemitglied gefragt, wie man mit den Gewalttexten in der Bibel umgehen kann. Antwort: "Da habe ich jetzt kein Patentrezept." Die sicher gut gemeinte Intention ist: Der Antwortende will nicht den Anschein erwecken, der Wissende zu sein, der die unwissende Fragestellerin erst einmal informieren muss – bloß keinen Graben bilden zwischen dem weisen Hirten und dem zu belehrenden Schäflein. Und sicher ist diese Zurückhaltung manchmal sogar geboten, etwa bei der Frage nach schwerem Leid.

Wenn aber ausgebildete Theologinnen und Theologen zum Thema schwierige Bibeltexte nur auf "kein Patenrezept" verweisen können, ist das definitiv zu wenig. Damit ist keine Sehnsucht nach einer Verkündigung früherer Jahrzehnte ausgedrückt, die auf alles eine klare Antwort hatte. Ich bin überzeugt, dass zwischen einer "Höllenangst-Verkündigung" und einer "Ich-sage-lieber-gar-nichts-mehr-Verkündigung" ein goldener Mittelweg zu finden ist. So könnte der Antwortende beispielsweise klarmachen, dass die eigene Antwort nicht die einzige ist, aber ihm persönlich geholfen hat.

Aktuell wurden erneut steigende Kirchenaustrittszahlen verzeichnet. Diese haben neben Missbrauchs- und Finanzskandalen sicher auch damit zu tun, dass Menschen sich Antworten von ihrer Kirche erhofften, die sich niemand zu formulieren traute.

Von Theresia Lipp

Die Autorin

Theresia Lipp ist Romanistin und Studentin der katholischen Theologie. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin für verschiedene katholische Medien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

RSS-Feeds  |  Jobs  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2018