Sehnsucht nach Einheit der Christen

Pater Klaus Mertes über den Stand der Ökumene

Standpunkt | Bonn - 19.07.2017

Der evangelische Christ Dr. Erich Schultze schrieb an Papst Pius XII. über sein Zusammensein mit dem Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg in der Haft in Berlin-Tegel: "Nicht nur ein eigenartiges Schicksal, sondern, wie ich überzeugt bleibe, eine be­sondere Gnade hat es gefügt, dass wir in den Jahren 1942 und 1943 nicht nur gemeinsame Gefangene im Herrn, sondern sogar unmittelbare Zellen­-Nachbarn ... wurden." Dann berichtet er, welche herabwürdigende Be­handlung sie beide erfahren mussten. Am 67. Geburtstag des Dompropstes mussten beide sich ausziehen. Nackt wurden sie verprügelt. Schließlich wurden sie mit dem Kopf in die vor den Zellen stehenden Kot-Kübel ge­drückt.

Als paradoxe Erfahrung berichtet Schultze, "dass wir aus dem ent­setzlichen Schmutz innerlich noch sauberer herausgekommen waren, als man uns hineingestoßen hatte". An jenem 3. Dezember 1942 legte er in der Gefängniszelle kniend vor Gott und dem Heiland das Gelübde ab, bis zu seinem Tode "alles zu tun und nichts zu unterlassen, was dazu beiträgt, unsere beiden christlichen Konfessionen noch näher zusammenzubringen und alles uns scheinbar Trennende aus dem Weg zu räumen zum gemein­samen aufrechten Tragen des Kreuzes Christi, das die beiden Kirchen ... einen möge."

Es sind Berichte wie diese, die mich nicht loslassen, wenn sich der Jahrestag des 20. Juli 1944 wieder naht, der ja ein Gedenktag für den gesamten Widerstand gegen Nazi-Deutschland ist, nicht "nur" für das Attentat auf Hitler. Das Geschenk der Sehnsucht nach Einheit geht einher mit einer Erfahrung von Reue und innerer Reinigung. Wo finde ich diese Reue heute? Ich kenne zu viele, die bei dieser Frage gerne auf die anderen zeigen, bei denen die Reue angeblich oder tatsächlich fehle. Aber damit hat man schon das Wesen von Reue verfehlt.

Wir Katholiken waren nicht die Vorreiter in der ökumenischen Bewegung. Noch bis in die 1950er-Jahre hinein war uns im Falle der Anwesenheit im evangelischen Gottesdienst nur "praesentia materialis", rein physische Anwesenheit gestattet. Papst Johannes XXIII. begriff erst durch die Hinweise von außen – dann aber immerhin –, dass "Einheit der Christen" weltweit mehr meint als "Einheit der Katholiken" weltweit.

Noch immer äußern sich Katholiken abfällig über die Abendmahlsfeier der evangelischen Christen. Und in diesem Jubiläumsjahr 2017 schaffen wir es nicht einmal bei Gedenkfeiern wie bei der anstehenden für die Lübecker Märtyrer (drei katholische, ein evangelischer Pfarrer, die von den Nazis gemeinsam hingerichtet wurden), alle anwesenden Christen offiziell zum Abendmahl einzuladen. Wir werden wohl weiterhin auf die Vorreiter aus anderen Konfessionen angewiesen sein – das wäre dann mal tatsächlich ein Grund zur Dankbarkeit für die Vielgestaltigkeit der Christenheit.

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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