"Tage der offenen Tür"

Hans-Joachim Höhn über das Jahr der Barmherzigkeit

Standpunkt | Bonn - 10.12.2015

Bei einer Wahl zum "Kirchenwort des Jahres" würden vermutlich die meisten Stimmen für "Barmherzigkeit" abgegeben. Der Sieg mag eindeutig ausfallen. Das Siegerwort bleibt vieldeutig – und missdeutbar. Oft wird es benutzt, wenn man Gnade vor Recht ergehen lassen soll. Es kommt zum Einsatz, wenn die Anwendung einer Vorschrift zu einer unbilligen Härte für den Betroffenen führen würde. Manchmal ist es auch ein Alias-Wort für Empathie und Menschlichkeit. Oder man zeigt sich mit ihm großzügig bei kleinen Vergehen: Schwamm drüber!

Barmherzigkeit verhindert, dass mit Recht und Gesetz gnadenlos umgegangen wird. Aber sie erwartet auch, dass Recht gegen Unrecht gesprochen wird. Barmherzigkeit ist kein Mittel für Sozial- und Kirchenromantiker, die alle Krisen und Konflikte im Schonwaschgang bereinigen wollen. Sie lädt nicht dazu ein, auch Fünfe einmal gerade zu lassen – weil der liebe Gott angeblich auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Barmherzigkeit erlaubt weder pausenlos die Ausnahme von einer Regel noch lässt sich mit ihr die Ausnahme zum Regelfall erklären. Eine solche Praxis lässt eher die Frage aufkommen, wann endlich bessere, gerechtere Regeln aufgestellt werden.

Was der Papst beabsichtigte, als er ein "Jahr der Barmherzigkeit" aufrief, drückt wohl am besten das lateinische Wort "misericordia" aus: das Herz bei den Menschen haben, die in einer Misere stecken. Diese Miseren sind so zahlreich, dass es durchaus ein Jahr braucht, um sie wahrzunehmen und etwas dagegen zu unternehmen. Um Miseren zu sehen genügt oft ein Blick aus dem Fenster. Um sie zu bekämpfen, reicht es aber nicht, nur ein Fenster zu öffnen. Es braucht eine Zuflucht für die Bedrängten, ein Unterkommen für die Einsamen und einen Freiraum für die Verfolgten. Die Kirche kann solche Orte anbieten. Um für dieses Angebot auch Aufmerksamkeit zu schaffen, bietet sich ein "Tag der offenen Tür" an. Er ist eine gute Gelegenheit, sich von der besten Seite zu zeigen, entgegenkommend, gastfreundlich und großzügig zu sein. Am besten plant man für einen solchen Tag die warme Jahreszeit ein. Im Winter verursachen offene Türen hohe Heizkosten und sorgen für Zugluft.

Im Jahr der Barmherzigkeit riskiert die Kirche mit ihren offenen Türen, dass es in ihr "zieht" – nicht nur an einem Tag, sondern dauerhaft. Sie beginnt und endet mit diesem Projekt in der kalten Jahreszeit. Ich bin gespannt, was in den kommenden Monaten in die Kirche hineinweht, wer kommt und wer geht. Ich bin neugierig, wo es die Kirche hinziehen wird. Was wird die Ausnahme bleiben, was wird die neue Regel sein? Ich frage mich, ob die Mühseligen unserer Tage die offenen Kirchentüren sehen und hindurch gehen werden. Und ich hoffe, dass unsere Kirchenoberen weghören, wenn aus den vordersten Reihen des Mittelschiffs dann der Ruf ertönt: "Jetzt reicht’s aber. Tür zu! Es zieht!"

Der Autor

Dr. Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln.

Hinweis

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Von Hans-Joachim Höhn

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