Unentbehrlich

Uwe Bork über Manager mit einem 25-Stunden-Tag

Standpunkt | Bonn - 15.12.2017

Uwe Bork ist Leiter der Fernsehradaktion Religion, Kirche und Gesellschaft des SWR.

Damals, vor nun doch schon einiger Zeit, als der himmlische Herr die Menschen schuf, muss er für einige von ihnen eine Art Bonusleistung im Kopf gehabt haben. Unabhängigkeit von Raum und Zeit beispielsweise, eigentlich ein eher göttliches Attribut. Wie anders könnte das zu erklären sein, was jetzt auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen zu lesen war?

Daimler-Boss Dieter Zetsche, so hieß es dort, solle ab Oktober nächsten Jahres den Aufsichtsratsvorsitz im Reisekonzern TUI übernehmen. Zusätzlich zu seiner Spitzenposition bei Daimler selbstverständlich, denn dort möchte man den Topmanager mit dem charakteristischen Bart zumindest bis zum Ablauf seines Vertrages Ende 2019 keinesfalls missen.

Wunderbar - denke ich mir - wunderbar, wie dieser Mann das alles schafft! Du selbst hast schon Schwierigkeiten, deinen normalen Job mit der dringenden Inspektion für dein Auto und den ebenso dringenden Weihnachtseinkäufen unter einen Hut zu bringen, während andere zusätzlich zur Leitung eines riesigen Konzerns auch noch die Verantwortung für ein weiteres Milliardenunternehmen schultern. Ohne dabei aus der Puste zu kommen, wohlgemerkt.

Und dann streiten sich drei Theorien in meinem Kopf. Die erste verwerfe ich sofort: Nein, die Führung eines Unternehmens, das seit Januar schon mehr als 2,2 Millionen Autos verkauft hat, kann kein Kinderspiel sein, das man quasi nebenher erledigt.

Bei meiner zweiten Überlegung komme ich theologisch ins Grübeln: Sollte Gott seine Gaben wirklich so ungleichmäßig verteilen, dass die einen über einen – mindestens – 25-Stunden-Tag verfügen, der dazu noch mit Allgegenwärtigkeit ausgepolstert wird, während die anderen ständig auf die Uhr schauen müssen, weil sie ihre Zeit im Stau oder beim Warten auf die S-Bahn verlieren? Undenkbar, finde ich, mein Gottesbild sieht anders aus.

Bliebe noch Theorie drei: Auf den oberen Etagen unserer Wirtschaft grassiert nicht erst seit gestern das sogenannte 'Unentbehrlichkeitssyndrom'. Statt nach gebührender Zeit neuen Leuten und damit vielleicht auch neuen Ideen Platz zu machen, erhält man lieber sich selbst Macht und Einfluss.

Würde man mich in dieser prekären Lage um Rat fragen, hätte ich sogar ein Gegenmittel parat. Es war Johannes XXIII., als Papst immerhin an nicht gerade untergeordneter Stelle beschäftigt, der doch immer eine von ihm selbst aufgestellte Devise beherzigt hat: "Giovanni, nimmt dich nicht so wichtig!"

Der Autor

Uwe Bork war Leiter der Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks (SWR) und arbeitet jetzt als freier Journalist und Autor in Esslingen.

Hinweis

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