Wie politisch darf die Kirche sein?

Oliver Maksan über Predigten und die Soziallehre

Standpunkt | Bonn - 28.12.2017

 Diplomtheologe Oliver Maksan

Julia Klöckner hat politisierende Prälaten kritisiert. Ulf Poschardt hat es auch getan. "Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?", twitterte Poschardt. Klöckner meinte am Mittwoch gegenüber der "Bild": "Es kommt vor, dass aus manchen Kirchenkreisen mehr zum Thema Windenergie und Grüne Gentechnik zu hören ist, als über verfolgte Christen, über die Glaubensbotschaft oder gegen aktive Sterbehilfe."

Tatsächlich äußern sich die Kirchen bis in ihre Spitzen in diesen Tagen bemerkenswert tagespolitisch. Es erstaunt, worauf eine aufmerksame Lektüre des Evangeliums angeblich alles Antwort gibt – und worauf nicht. Da hat Julia Klöckner völlig recht. Natürlich, die Bischöfe müssen sich zur Politik äußern. Die katholische Soziallehre und das christliche Sittengesetz sind dabei Maßstab. Doch kann es schon im Hinblick auf die iusta autonomia der Laien vor allem um Prinzipien gehen. Eindeutig ist die Lehre in vielen Fragen zudem nicht. Selbst katholische Wirtschafts- und Sozialverbände finden oft nicht zueinander, wenn es konkret wird. Und das ist nicht schlimm. 

Die meisten sozialethischen Fragen sind schlicht Abwägungsfragen. Das gilt insbesondere für die Achse, um die sich die Politik seit 2015 mehr oder weniger direkt dreht: die Migrationsfrage. An diese gehen die Kirchen übrigens erstaunlich unterkomplex heran. Ja, den Fremden als Nächsten zu behandeln ist Lehre des Evangeliums. Aber ein fugenloses Programm für die Gestaltung von Migration im 21. Jahrhundert ergibt sich daraus noch lange nicht. Der humanitäre Imperativ, die kulturelle und wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit einer Gesellschaft, die sicherheitspolitischen Folgen: All diese Fragen müssen kirchlicherseits gleichzeitig bedacht und einer Antwort zugeführt werden. Dafür mag man weniger Applaus von den Grünen bekommen, leistet aber einen überzeugenderen Beitrag für die katholische Soziallehre in der demokratischen Debatte.

Von Oliver Maksan

Der Autor

Oliver Maksan ist Chefredakteur und Geschäftsführer der Würzburger katholischen Zeitung "Die Tagespost". Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent in Jerusalem.

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