Woelki als katholischer Schwarzenegger

Joachim Frank über das Ende des Reformationsgedenkjahrs

Standpunkt | Bonn - 10.10.2017

Standpunkt Joachim Frank

Es gab Zeiten, in denen war die Klage über den Schmerz der Kirchenspaltung mehr als eine sehr spezielle Form von spirituellem Masochismus. Die ökumenische Leidenschaft eines Karl Lehmann entsprang glaubhaft einem Leiden an und in den (damals noch) sogenannten "Mischehen". Und päpstliche Worte – ob von Paul VI. oder Johannes Paul II. – sprachen bei aller römischen Selbstgewissheit von der Notwendigkeit einer allseitigen Re-Formation auf dem Weg zur Einheit.

Von alledem ist im Jahr des Reformationsjubiläums wenig spürbar. Eine letzte Aufwallung noch, ein Aufgalopp der Prominenz aus Kirchen und Staat in Wittenberg am 31. Oktober, dann ist es vorbei. Und Kardinal Walter Kaspers besorgte Mahnung erweist sich schon jetzt als prophetisches Wort: "Dieses Jahr darf nicht zu Ende gehen mit schönen Worten und ein paar berührenden Gesten." Genau diese Besorgnis hat sich erfüllt. Wie bequem sich die Kirchen mittlerweile im Leiden an der Trennung eingerichtet haben, findet seinen sinnfälligsten Ausdruck in der Permanent-Umarmung der siamesischen Ökumene-Zwillinge Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strohm. Wenn Brüder im Bischofsamt einträchtig beieinander wohnen, wie weiland in Psalm 133 gepriesen, ist das gar fein und lieblich. Aber trotzdem zu wenig - nach 500 Jahren Reformationsgeschichte und zehn Jahren Jubiläumsdekade.      

Immer noch ist der kontroverstheologische Furor leichter entfacht als das Feuer des ökumenischen Fortschritts. Das zeigen drei Wochen vor dem Ende des Jubiläumsjahrs die ökumenischen Brandpfeile, die Kardinal Rainer Woelki in der Oktober-Ausgabe der "Herder-Korrespondenz" verschießt. Unter dem Titel "mehr Ehrlichkeit" spricht der Kölner Erzbischof von einer "ethischen Grunddifferenz" zwischen Protestanten und Katholiken, hält das Konzept einer "versöhnten Verschiedenheit" als Basis der Kircheneinheit für einen Etikettenschwindel und nennt die Rede von der ökumenischen Gastfreundschaft beim Abendmahl abwegig und anmaßend.

Gedoubled von einem theologischen Stuntman aus der Umgebung Kölns, gibt Woelki den katholischen Schwarzenegger. Als Ökumene-Terminator zerdeppert er zum Jubiläumsbankett das Porzellan, zerrupft die Girlanden, sprengt die Gemeinschaftsfassaden – und überlässt es den Kaspers in der Kirche, nach dem 31. Oktober die Scherben aufzufegen – nach dem Vorbild von Beppo Straßenkehrer aus Michael Endes "Momo": "Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt, wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig."

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger", der "Berliner Zeitung" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

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