Sich auf den Wellen halten

Petrus - der Fels, wie Jesus ihn nennt - ist gar nicht so stark, wie der Name es eigentlich erwarten lässt: Zunächst kann er im Sonntagsevangelium auf dem Wasser gehen, aber etwas Gegenwind lässt seinen Glauben schnell wanken. Monsignore Stephan Wahl legt die Bibelstelle aus.

Ausgelegt! | Bonn - 12.08.2017

Impuls von Stephan Wahl

Der Zweifel wohnt oft ganz nahe am Halleluja. Eben noch sicher und fest im Glauben genügt manchmal ein einziges Erlebnis und der Boden ist auf einmal gar nicht mehr so fest, wie man dachte. Manchmal muss es gar nicht ein Unglücksfall sein, der den Glauben ins Wanken bringt. Viele zutiefst gläubige Christen kennen die Nacht des Glaubens. Plötzlich entgleiten die Sicherheiten, eine lähmende Schwere legt sich über alles und man kann sich nur noch erinnern an das, was man so fest geglaubt hat.

Eine Facette des heutigen Evangeliums erzählt in ihrer bilderreichen Sprache von einem Moment des Zweifels, von dem selbst die allernächsten Freunde Jesu nicht verschont blieben. Ach Petrus, möchte man ausrufen, hätte ich die Chance einmal nur den Herrn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, wie würde mein manchmal wankender Glaube gefestigt! Aber der Fels, wie Jesus ihn nennt, ist gar nicht so stark wie der Name es eigentlich erwarten lässt. Erst ist da das absolute Vertrauen das ihn sogar über das Wasser gehen lässt. Aber es genügt etwas Gegenwind und sein fester Glaube, heil sein Ziel zu erreichen, ist dahin. Für mich ist die Szene ein eindrückliches Bild über das Auf und Ab im Glauben eines Menschen. Einmal wie Petrus tollkühn aufs Wasser zu springen, das kann ja noch angehen, aber sich dann auf den Wellen zu halten, ohne die Angst unterzugehen – das ist eine ganz andere Sache.

Es ist beruhigend, dass das Evangelium auch von den Brüchen und Schwankungen der Jünger der ersten Stunde erzählt und sie nicht unnahbar auf Podeste stellt. Dann bin ich in meinen eigenen schwachen Stunden in guter Gesellschaft. Und in ziemlich guter. "Weh uns, falls alles eine Illusion ist…!" – Dieser Satz stammt von Johannes XXIII. Sein Sekretär hörte, wie der Papst ihn leise zu sich selber sagte – auf dem Rückweg von der Beerdigung seiner Schwester. Aber dieser Papst war auch derjenige, der mutig und mit großem Gottvertrauen mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Kirche neue Perspektiven eröffnete. Beides, das Helle wie das Dunkle, gehörte auch zu seinem Glaubensleben und nicht nur zu seinem. Mal ist Halleluja angesagt, mal abwartendes Schweigen. Bleibt zu hoffen, dass unsere je unterschiedlichen "Seelenspeicher" in den guten und stärkenden Tagen mit soviel Glaubenszuversicht und Glaubenskraft gefüllt werden, um die bisweilen schmerzenden Nächte gut zu überstehen. Die Ermutigung durch Jesus Christus ist uns dabei zugesagt. Damals wie heute: "Habt Vertrauen, ich bin es, fürchtet euch nicht."

Von Stephan Wahl

Evangelium nach Matthäus (Mt 14, 22-33)

Nachdem Jesus die Menge gespeist hatte, forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg.

Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.

Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich!

Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.

Der Autor

Monsignore Stephan Wahl ist als Priester im Bistum Trier Kooperator in der Pfarreiengemeinschaft Waldrach und beauftragt mit medialer Verkündigung. Er ist Mitglied im Rundfunkrat des SWR.

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