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Tödliche Armut

Ein Obdachloser bekommt medizinische Hilfe.
© Caritas

Caritas | 08.10.2012 - Köln

08.10.2012 java.util.GregorianCalendar

Dennis und Maximilian kennen sich vom Sportverein. Fußball ist ihre große Leidenschaft. Doch außerhalb des Rasens haben die beiden wenig gemeinsam. Dennis wird zum Beispiel zwölf Jahre früher sterben als Maximilian – statistisch gesehen. Denn die finanziellen Mittel von Dennis‘ Familie sind sehr begrenzt.

Das zeigt sich nicht nur an den alten Tretern, mit denen Dennis spielt, obwohl er da längst rausgewachsen ist. Das zeigt sich auch daran, dass Dennis längst eine Zahnspange bräuchte, die sich seine Eltern aber nicht leisten können. Nur ein Beispiel, das zeigt, dass Gesundheit und Vorsorge auch vom Geldbeutel abhängen. Und Dennis und Maximilian sind zwei Idealtypen, konstruiert, um die Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit zu illustrieren.

Schlechte Voraussetzungen

Nico Dragano arbeitet beim Institut für Medizinische Soziologie der Uni-Klinik Düsseldorf. Er erforscht das Phänomen seit Jahren und weiß, dass zwischen Armut und Krankheit viele Prozesse ablaufen, die schließlich zum früheren Tod sozial benachteiligter Menschen führen. Wer wenig Geld hat, wohnt zum Beispiel schlechter: oft an Bahntrassen oder Hauptverkehrsstraßen, weil es dort günstiger ist – die schlechte Luft und der Lärm werden notgedrungen in Kauf genommen. Dort ist meist auch weniger Platz zum Spielen und zur Bewegung im Freien. "Wer will schon täglich durch einen Park joggen, der nicht sicher ist, und wo man befürchten muss, dass man ohne seine Schuhe wiederkehrt", so Dragano. Wer auf jeden Pfennig achten muss, greift im Supermarkt schneller zu billigen Lebensmitteln und Schnellgerichten, statt frisches Gemüse und Salat zu kaufen. Wenig Bewegung und schlechte Ernährung sind zwei Risiko-Faktoren für Herz-, Kreislauf- und Gefäßkrankheiten. Kommen Zigaretten und Alkohol dazu, erhöht sich das Risiko ein weiteres Mal. Praxisgebühren, teure Medikamente und fehlendes Gesundheitsbewusstsein tun ihr Übriges.

All diese Faktoren führen dazu, dass Männer mit geringem Einkommen im Schnitt zwölf Jahre eher sterben, als Männer, die vergleichsweise viel Geld zur Verfügung haben – bei Frauen beträgt der Unterschied acht Jahre. Die Caritas schätzt, dass sich in Deutschland circa 12,6 Millionen Menschen keine optimale Gesundheitsvorsorge leisten können.

Freiwillige leisten kurzfristige Hilfe

Herbert Reker bestätigt diese Zusammenhänge. Der Internist hat sich nach seiner Pensionierung der Maltester Migranten Medizin angeschlossen und behandelt jeden Donnerstag im St.-Hildegardis-Krankenhaus in Köln Menschen, die sich keine Krankenversicherung leisten können. Er und seine fünf Kollegen behandeln jedes Jahr knapp 1.500 Patienten. Und auch wenn der Name etwas anderes nahelegt, es sind bei weitem nicht nur Migranten, die zu ihm kommen. Er macht auf ein weiteres Phänomen aufmerksam: "Wenn Sie ein junger Arzt wären, der eine Familie durchbringen muss, und sie hätten die Wahl: Sie könnten sich in einem florierenden Stadtteil, mit wohlhabenden Menschen niederlassen oder irgendwo in der Uckermark, wo die Strukturen schwach sind, die Leute wegziehen, wo ihnen kulturell nicht viel geboten wird. Da ist schon viel Idealismus nötig – aber das kann man auch niemandem vorwerfen." Tatsächlich, bestätigt Dragano, hat sich in dem relativ armen Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg lediglich ein Arzt pro tausend Einwohner niedergelassen, während es im reichen Blankenese 3,5 Ärzte pro 1.000 Einwohner gibt. "Und die meisten Ärzte gibt es am Starnberger See, ein anerkannter Hort der Seuchen und der totbringenden Krankheiten", scherzt er.

Modifizieren oder reformieren?

Reker schlägt vor, Dienstleistungen für Krankenschwestern und Arzthelferinnen freizugeben, die bisher nur Ärzten vorbehalten sind: "Die können das. Die haben das Wissen, eine Wunde zu versorgen, eine Spritze zu setzen oder einen Verband zu wechseln. Da muss nicht jedes Mal ein Arzt rausfahren." Die Ausbildung der sogenannten Familienhebammen habe gezeigt, dass dezentralere Strukturen zu nachhaltig guten Ergebnissen führen könnten. Reker ist überzeugt: "Ein perfektes Gesundheitssystem, das wirklich alle mit einschließt und niemanden auf der Strecke lässt, kann es gar nicht geben. Aber wenn ein Arzt nicht 30 Prozent seiner Zeit mit Fahren verbringen muss, sondern sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren kann, wäre schon viel geholfen."

Die Caritas schätzt solche Initiativen. Dennoch möchte die Organisation lieber das System verbessern, als auf die Nächstenliebe Einzelner zu setzen. Dementsprechend fordert sie in einem Thesenpapier anlässlich der Kampagne "Armut macht krank", dass unter anderem die Praxis-Gebühr abgeschafft wird. Zudem wünscht sie sich, dass sozial schwache Menschen ihre Medikamente nicht selbst zahlen müssen und auch andere Maßnahmen zur Vorsorge für sie umsonst sind – auf diese Weise könnte Dennis auch endlich an eine Zahnspange kommen.

Von Michael Richmann

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