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"Nu, freilich"

Heiner Koch spricht vor Journalisten.
© KNA

Interview | 16.03.2013 - Dresden

Seine Amtseinführung findet in turbulenter Zeit statt. Nur drei Tage nach der Wahl von Papst Franziskus tritt Heiner Koch am heutigen Samstag sein neues Amt als Bischof von Dresden-Meißen an. Im Interview spricht der 58-Jährige über Mission im Osten, die Gefahr der kleinen Herde und Gott in der Kneipe.

Frage: Bischof Koch, kommen Sie als Missionar nach Dresden?

Koch: Ja, ich habe eine Sendung.

Frage: Welche?

Koch: Ich möchte die Gottesfrage wachhalten. Ich will die Menschen verunsichern, die zunächst noch fest daran glauben, dass die sichtbare und greifbare Welt die einzige Realität des Lebens ist. Das ist zwar auch ein Glaube, aber ein anderer. Ich möchte mit ihnen Gott in ihrem Leben entdecken, ihnen helfen, seine Gegenwart wahrzunehmen und so Berührung mit Christus zu finden.

Frage: Sie wechseln aus dem tief katholischen Köln in die Diaspora. Als Sie die Nachricht bekamen, Bischof von Dresden zu werden, haben Sie das spontan als Belohnung oder als Strafe empfunden?

Koch: Weder noch. Ich war sprachlos. Als der Anruf des Dresdner Domkapitels kurz vor Weihnachten kam, habe ich mich zunächst in eine Kapelle zurückgezogen. Dann bin ich in eine Buchhandlung gegangen und habe mir Bücher über Sachsen und Dresden gekauft. Die ganze Nacht habe ich gelesen. Seitdem bin ich dreimal nach Dresden gefahren.

Frage: Können Sie schon ein paar Worte Sächsisch oder gar Obersorbisch?

Koch: "Nu, freilich."

Frage: Das ist ausbaufähig. Man merkt, Sie haben Ihr ganzes Leben im Rheinland verbracht. Wie gut kennen Sie eigentlich den Osten?

Koch: Ich kenne einige Seelsorger aus dem Osten, aber ich kann nicht behaupten, dass mir die Region vertraut ist.

Frage: Ihr bisheriger Chef, Kardinal Meisner, war vor der Wende in Erfurt und Ostberlin. Hat er Ihnen ein paar Tipps gegeben, wie der Ossi tickt?

Koch: Das Wort "Ossi" lehne ich ab. Ich sehe mich auch nicht als Wessi, wohl aber als Rheinländer. Der Kardinal hat mir klugerweise nichts geraten. Er ist zwar auch geprägt von seiner Zeit in der DDR, aber unser aller Leben hat sich im letzten Vierteljahrhundert sehr verändert. Ich möchte nicht voreingenommen in mein neues Bistum gehen.

Frage: Die DDR wollte Gott aus der Gesellschaft beseitigen. Hat sie es geschafft?

Koch: Gott ist nicht verschwunden, Gott zieht sich nicht zurück. Vielen Menschen aber ist in der ehemaligen DDR die Verbundenheit mit der Kirche völlig abhandengekommen. Religiosität als Grundzug und Frage des Menschen habe ich mehrfach erlebt. Unter solchen Umständen verflüchtigt sich auch der spezifisch christliche Glaube, aber die Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach der Ewigkeit ist da, manchmal wohl verborgen. Als ich nach meiner Ernennung mit dem Auto durch Sachsen fuhr, lag die ganze Landschaft unter einer tiefen Schneedecke. Ich habe mich gefragt: "Was mag unter der zum Vorschein kommen?" Aber auch: "Was mag in den Menschen hier verborgen sein?" Ich muss nicht Gott nach Dresden bringen. Er ist schon da.

„Dass ich nicht verheiratet bin, ist besonderer Ausdruck meiner Gottesbeziehung und gibt mir für viele Menschen eine Freiheit.“

Bischof Heiner Koch

Frage: Dem Kölner Bistum geht es gut, auch finanziell. Probleme gibt es vor allem, wenn Gemeinden fusionieren. Mal ehrlich: Sind das keine Luxussorgen, verglichen mit der Lage im Osten?

Koch: Mit Sicherheit. Die Dresdner Kirche ist eine eher arme Kirche, aber reich an Zusammenhalt und Einsatzfreude. In Dresden und Leipzig ist die Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen die stärkste unter den Katholiken. Da gibt es eine große Offenheit für religiöse Fragen.

Frage: In Sachsen und Thüringen sind Katholiken eine kleine Minderheit, aber nach 1989 gibt es auffallend viele Katholiken in den Regierungen: von Bernhard Vogel bis Stanislaw Tillich. Wie erklären Sie sich diese Katholikendominanz?

Koch: Dafür habe ich noch keine Erklärung. Ich bin froh, dass Katholiken so qualifiziert gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Stanislaw Tillich ist ein Katholik, der seinen Glauben aus tiefer Überzeugung lebt, der aber gerade in Fragen des Glaubens nicht dominieren will.

Frage: Wie kommt der Glaube in den Menschen?

Koch: Menschen lernen auf vielfältige Weise zu glauben. Unersetzbar ist die Begegnung mit einem Menschen, der selbst glaubt oder mit dem Glauben ringt. Als ich gerade mein Abitur machte, starb der Mann meiner Schwester mit 29 Jahren an Krebs, er hinterließ zwei kleine Kinder. Ich habe mich oft gefragt, wie Gott das zulassen kann. Mein Schwager war ein tiefgläubiger Mann. Er hat gefragt: Liebe ich Gott so sehr, dass ich ihm treu bleibe, auch wenn ich ihn nicht verstehe? Das hat mich in meinem Glauben geprägt.

Frage: Vermissen Sie es, eine Familie zu haben?

Koch: Nein. Ich habe eine Familie: eine Schwester, Nichten und Neffen. Dass ich nicht verheiratet bin, ist besonderer Ausdruck meiner Gottesbeziehung und gibt mir für viele Menschen eine Freiheit: Als Studentenpfarrer konnte ich etwa die Weihnachtstage mit Asylbewerbern verbringen, die übrigen Mitarbeiter gingen zu ihren Familien nach Hause. Ein zölibatäres Leben ist ein unbürgerliches Leben, das aber verweist auf die Familie der Kirche. Ich möchte, dass Kirche als Lebensgemeinschaft wahrgenommen wird.

Frage: Wird sie das nicht?

Koch: Viele sehen die Kirche als Krankenkasse für religiöse Bedürfnisse. "Gut, dass es sie gibt, aber hoffentlich brauche ich sie nicht." Sie ist aus dem alltäglichen Leben verschwunden. Dabei ist es für eine Gemeinde wichtig, dass sie den Alltag gemeinsam lebt, die schönen Seiten und die Brüche.

Frage: Das ist in der Diaspora eher möglich als in der Großgemeinde.

Koch: Kann sein. Aber eine kleine zusammengeschweißte Gemeinschaft läuft Gefahr, dass sie eine geschlossene Runde wird. Eine kirchliche Gemeinschaft lebt vom bunten Miteinander. Das habe ich neulich beim "Holunderwirt" gesehen.

Dresdens neuer Bischof Heiner Koch gewährt für die katholisch.de-Serie "Freundebuch" einen ganz persönlichen Einblick in sein Leben.

© katholisch.de

Frage: Wo bitte?

Koch: Der "Holunderwirt" ist eine Kneipe in Köln. Der Wirt ist ein Altkommunist, der zum Katholiken wurde. Nach kurzer Zeit habe ich mit den Leuten in seiner Kneipe über den Glauben gesprochen. Keinen von denen sehen Sie sonntags in der Kirche. Aber bis Sie im "Holunderwirt" einen finden, der wirklich ungläubig ist, müssen Sie lange suchen.

Frage: Warum geht dann keiner von ihnen in die Kirche?

Koch: Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Ein nicht unwesentlicher ist, dass sie nicht mehr an die Liturgie und den Kirchenraum gewöhnt sind. Sie haben Angst, an der falschen Stelle zu knien oder sich hinzustellen. Die Kirche ist für viele ein fremder Raum mit fremder Sprache und fremden Zeichen geworden.

Frage: Ist es da nicht absurd, dass die alte Messe hochgejubelt wird?

Koch: Wenn manche in der alten Messe ihre Heimat finden, soll das so sein. Aber noch wichtiger ist es heute, Kirchenfremden einen hilfreichen Zugang zum Gottesdienst zu eröffnen.

Frage: Kneipenseelsorge wäre ein Anfang.

Koch: (lacht) Stimmt. Nicht gleich für die Liturgie, aber auf jeden Fall für den Einstieg in die Welt des Glaubens. Dafür wäre es manchmal gut, wenn wir Geistliche hätten, die auch in diesen Milieus sich auskennen. Aber bitte keine Abteilung Kneipenseelsorge im Generalvikariat!

Frage: Wie erklären Sie denn den Gästen beim Holunderwirt, was ein residierender Domkapitular ist?

Koch: Muss man das wissen? Davon abgesehen: Wir haben ein Sprachproblem und damit ein Verständigungsproblem, im Osten wie im Westen. Kürzlich war ich im Religionsunterricht einer zwölften Klasse. Sie behandelten gerade das Thema Gnade. Eine Schülerin entgegnete mir: "Herr Bischof, ich will keine Gnade, ich will mein Recht." Ein theologischer Spitzenbegriff wird offenbar nicht mehr verstanden. Gnade ist ein Geschenk. Wenn schon das nicht klar ist: Wie sollen wir da Auferstehung und Dreifaltigkeit erklären? Wir können ja kaum ausdrücken, was wir selbst glauben. Mir ist da schlagartig unser ganzes Kommunikationsproblem deutlich geworden.

Frage: Muss sich Kirche nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich der Gesellschaft anpassen?

Koch: Nein, wir müssen aushalten, dass es klare inhaltliche Dissense gibt zwischen dem, was sich als Trend abzeichnet, und dem, was die Kirche lehrt.

„Im Credo heißt es: Ich glaube an die Heilige Katholische Kirche. Das kann ich aus vollem Herzen mitbekennen.“

Bischof Heiner Koch

Frage: Zum Beispiel?

Koch: Nehmen Sie die aktuelle Diskussion um die "Homo-Ehe": Die Kirche vertritt die Überzeugung, dass ein Kind Vater und Mutter braucht. Ich weiß auch, dass es Ehepaare gibt, die Kinder vernachlässigen, und homosexuelle Paare, die Kinder lieben. Das ändert nichts daran, dass die Familie aus Vater, Mutter und Kindern ein großer Reichtum für alle ist, gerade auch in der geschlechtlichen Unterschiedlichkeit. Als Mann und Frau hat Gott die Menschen geschaffen. Sie geben zusammen die Fülle des göttlichen Lebens wieder. Gesellschaftlich ist kein Konsens mehr gegeben, das darf aber nicht dazu führen, dass wir diese Position aufgeben.

Frage: Muss man deshalb in der Kirche abwertend über Homosexuelle sprechen? Das passt nicht zu dem Gedanken, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild ist.

Koch: Stimmt, aber oft werden die Lautesten am meisten gehört.

Frage: Warum distanzieren sich so wenige Würdenträger von homophoben Äußerungen?

Koch: Das tun sie doch. Päpstliche Verlautbarungen mahnen zum Beispiel, Homosexuellen mit Respekt zu begegnen.

Frage: Gibt es in der Bischofskonferenz Angst vor dem offenen Wort?

Koch: Diese Angst habe ich in der Konferenz noch nicht erlebt. Sicherlich aber gibt es in der Kirche insgesamt Unsicherheit, wie wir bei Meinungsverschiedenheiten miteinander umgehen sollen.

Frage: Finden Sie Gott immer in der Kirche?

Koch: Im Credo heißt es: Ich glaube an die Heilige Katholische Kirche. Das kann ich aus vollem Herzen mitbekennen. Das heißt ja nicht, ich glaube an den Bischof, den Pfarrgemeinderat und den Kirchenvorstand. Das heißt, dass ich an die Gegenwart Gottes in dieser Gemeinschaft glaube, dass er sie trägt und immer wieder neu heilt. Deshalb dürfen wir in der Kirche auch schwach sein und aus Sünden und Fehlern lernen.

Frage: Es läuft also grundsätzlich richtig?

Koch: Grundsätzlich ja.

Die neue Heimat von Heiner Koch: Die sächsische Landeshauptstadt Dresden.

Bildquelle: Miredi/Fotolia.com

Frage: Und warum steht die Kirche so schlecht da? Weil Medien alles verzerren?

Koch: Es gibt bisweilen eine gesellschaftliche Aversion gegen die Kirche, da gibt es oft sehr viel Undifferenziertheit und manche Blickverengung. Für die Kirche aber besteht vor diesem Hintergrund die große Gefahr, dass sie sich isoliert. Wenn man so viel Kritik einstecken muss, ist es verführerisch, sich auf die Idee einer kleinen reinen Herde zurückzuziehen, die von den Schwachen da draußen getrennt ist. Das wäre fatal.

Frage: Was nehmen Sie mit aus dem Rheinland ins Bistum Dresden?

Koch: Mein bisheriges Leben mit den Menschen, die mich prägen und tragen, meinen Glauben, meine Erfahrungen im Gelingen und im Scheitern. Vor allem aber bin ich froh, dass Gott derselbe in Dresden und in Köln ist und dass wir zur selben katholischen Kirche gehören.

Frage: Und was ist mit dem Kölner Karneval? Immerhin sind Sie Regimentsbischof der Prinzengarde.

Koch: Die hat ihren Besuch in Dresden schon angekündigt. Im Übrigen habe ich in der letzten Woche viele Entpflichtungsschreiben erhalten, eines für mich als Regimentsbischof der Prinzengarde Köln war nicht dabei.

Frage: Ob sich die Dresdner über die Prinzengarde freuen? Was ist leichter zu vermitteln: Kirche oder Karneval?

Koch: Gott ist in jedem Menschen. Das kann man vom Karneval nicht unbedingt behaupten.

Frage: Haben Sie eigentlich schon ein Abo für die Semperoper?

Koch: Noch nicht, aber ich werde dort ein regelmäßiger Besucher sein, nachdem ich bislang ein Abonnement der Düsseldorfer Oper hatte. Zunächst bin ich aber am Montag zum Bundesligaspiel Dynamo Dresden gegen den 1. FC Köln eingeladen. Da gehe ich natürlich hin.

Frage: Wie lässt Gott das Spiel ausgehen?

Koch: Ich bin sicher, das überlässt er den Spielern. Ein Unentschieden hilft jedenfalls keinem.

Das Interview führten Christiane Florin und Raoul Löbbert

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