Ausgezeichneter
Dissident
Literatur | 14.10.2012 - Frankfurt
Der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu (54) hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Der seit seiner Flucht aus China im vergangenen Jahr in Deutschland lebende Autor übte am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche scharfe Kritik an der kommunistischen Regierung seines Heimatlandes.
Mit Blick auf getötete Kinder beim Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 in Peking sagte Yiwu, ein Regime, das Minderjährige massakriere, habe keine Zukunft. "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen", so der Schriftsteller. Gleichzeitig verurteilte Yiwu die Wirtschaftsbeziehungen des Westens mit China. Dieser mache mit den "Henkern" gemeinsame Sache.
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, bezeichnete Yiwu als "Volksschriftsteller" im eigentlichen Sinn des Wortes, der "unerschrocken und sprachmächtig" den unter Repressionen leidenden Schichten der chinesischen Bevölkerung eine Stimme gebe. Der Preis ehre auch die von seinem Werk ausgehende "friedensstiftende Kraft", so Honnefelder. Die Auszeichnung wird seit 1950 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.
"Symbol für Freiheit und Menschenwürde"
Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) nannte den Preis ein "herausragendes Symbol für Freiheit und Menschenwürde". Er wünsche den Büchern Yiwus viele Leser in aller Welt. In ihrer Laudatio für den Preisträger sagte die Literaturkritikerin Felicitas von Lowenberg, Yiwu gebe seinem Land "nicht ein Gesicht, sondern viele". An der Zeremonie, die traditionell zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse stattfindet, nahmen unter anderen Bundespräsident Joachim Gauck, Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sowie die früheren Friedenspreisträger Boualem Sansal und Alfred Grosser sowie die Literaturnobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller, teil.
"katholisch.de - Das Magazin" vom 12.10.2012
© katholisch.deLiao Yiwu wurde am 4. August 1958 in Chengdu in der Provinz Sichuan geboren; er arbeitete ohne die Möglichkeit eines regelmäßigen Schulbesuchs zunächst als Küchenhilfe und Lastwagenfahrer. Schließlich fand er Arbeit bei einer Zeitschrift, wo er bald als wortgewandter Dichter auffiel und für seine Gedichte mehrere nationale Auszeichnungen gewann.
Zahlreiche seiner Werke konnten nur durch die im Untergrund tätige Literaturszene veröffentlicht werden. 1987 wurde er deswegen von den Behörden auf die "Schwarze Liste" gesetzt und erhielt mehrmals Schreibverbot. Unter dem Eindruck der Massendemonstrationen auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" verfasste Liao Yiwu das Gedicht "Massaker", in dem er in der Nacht vor dem tatsächlichen Vorgehen der chinesischen Armee gegen die Protestierenden am 4. Juni 1989, das Geschehen vorwegnahm. Tonband-Kopien wurden im ganzen Land verbreitet. Im Februar 1990 wurde er verhaftet und als politischer Häftling wegen "Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda" zu einem vierjährigen Freiheitsentzug verurteilt.
Flucht nach Deutschland
Die Begegnungen mit den Menschen, die er im Gefängnis und als Straßenmusiker kennenlernte, sammelte der Schriftsteller 1998 in Form von 60 Interviews, die in bereinigter Form 2001 bei einem chinesischen Verlag unter dem Titel "Interviews with People from the Bottom Rung of Society" erschienen (deutsch: "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten"). 2009 wurde dem Schriftsteller von den Behörden die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse, auf der China Ehrengast war, verweigert.
Nachdem ihm Anfang 2011 erneut mehrmals eine Ausreise verboten wurde, setzte er sich über Vietnam nach Deutschland ab. Um das Leben von Liao Yiwu nicht in Gefahr zu bringen, hielt sein deutscher Verlag bis zu seiner Flucht die Veröffentlichung des Buches "Für ein Lied und hundert Lieder" zurück. 2012 erhielt Liao Yiwu ein Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD. Soeben ist sein neues Buch "Die Kugel und das Opium - Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens" erschienen.
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