So wahr mir Gott helfe
US-Wahl | 29.10.2012 - Bonn/Washington
Es wird wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden, wenn "God’s own country" am 6. November seinen Präsidenten wählt. Auf ruhige Stunden, Freizeit oder gar übermäßig viel Schlaf müssen Barack Obama und Mitt Romney in den kommenden Tagen verzichten. Permanent sind der demokratische Amtsinhaber und sein republikanischer Herausforderer im Land unterwegs, um bei den noch Unentschlossenen um Stimmen zu werben.
Auch bei den Christen. Wer in den Vereinigten Staaten von Amerika den Chefsessel im Weißen Haus einnehmen möchte, sollte es sich mit ihnen nicht verscherzen. Mitt Romney ist zwar Mormone, Barack Obama hingegen Protestant. Und katholisch sind in den USA mehr als 60 Millionen Menschen. Da die Protestanten in verschiedenen Konfessionen organisiert sind, ist die römisch-katholische Kirche die größte einzelne Glaubensgemeinschaft. 22 Prozent der Menschen bezeichnen sich laut einer aktuellen Umfrage als praktizierende Katholiken. Da verwundert es nicht, dass sowohl Republikaner wie Demokarten um sie werben.
Das fängt sich schon damit, dass beide im Sommer ein katholisches Beraterteam für den Wahlkampf vorstellten: die Catholics for Obama beziehungsweise die Catholics for Romney . Auch gehen Obama und Romney jeweils mit einem katholischen Vize-Präsidenten ins Rennen. Während Amtsinhaber Joe Biden dem liberalen Flügel der Kirche zuzuordnen ist, gilt Paul Ryan, der als Vize-Präsident für die Republikaner antritt, als äußerst konservativ. Neben seiner Ablehnung der Homo-Ehe will Ryan, wie auch andere in seiner Partei, selbst im Falle einer Vergewaltigung eine Abtreibung untersagen.
"Grundsätzlich spielt das Religiöse hier eine größere Rolle als in den Wahlkämpfen in Deutschland", sagt Axel Spies, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates der katholischen deutschsprachigen Gemeinde in Washington. Allerdings sei das nicht mehr so stark wie früher. Seiner Ansicht nach habe das mit einer immer größeren Anzahl an Religionslosen im Land zu tun, so Spies weiter, der seit zwölf Jahren in den USA lebt.
Katholische Stimme mit Gewicht in den USA: Kardinal Timothy Dolan ist seit Feburar 2009 Erzbischof von New York sowie seit November 2010 Vorsitzender der US-amerikanischen Bischofskonferenz.
Bildquelle: KNAAngst vor Rom
Diesen Befund kann Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster mit Zahlen untermauern. "Der Anteil derer, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, stieg in den vergangenen Jahrzehnten von drei auf 17 Prozent", teilt der Professor mit. Das gehe überdies mit einer toleranten Haltung gegenüber der religiösen Vielfalt einher und wirke sich auch auf die Politik aus.
Es falle in der Tat auf, sagt Axel Spies, dass Romneys Mormonentum keine Rolle im Wahlkampf spiele. "Das ist schon etwas Neues", sagt er weiter. "John F. Kennedy war damals der erste Katholik, der Präsident wurde, und da hatte schon so mancher Angst, nun aus Rom regiert zu werden."
Dennoch spielt das Religiöse immer noch eine wichtige Rolle – auch, weil sich Immerhin 83 Prozent der Menschen in den USA als religiös bezeichnen. "Dieses Jahr ist die Religionsfreiheit ein großes Thema", sagt Pater Gerold Langsch, Pfarrer in Waukesha, Wisconsin. Seit 1973 lebt der katholische Priester in den USA, zunächst in Texas, seit 1982 in Wisconsin. Auch spüre man, dass die katholische Kirche im öffentlichen Bewusstsein einen großen Schritt vorwärts gemacht habe. "Themen wie Religionsfreiheit, die Definition der Ehe, Abtreibung oder Homosexualität, haben die Kirche erneut auf den Plan gerufen", sagt Langsch.
Zu einem angesehenen Sprecher der Kirche in den USA hat sich der Erzbischof von New York, Kardinal Timothy Dolan, entwickelt. Bei beiden Parteitagen trat Dolan, der auch Vorsitzender der US-Bischofskonferenz ist, auf. Er sprach ein Gebet und brachte die strittigen Themen zwischen Kirche und Politik zur Sprache – bei den Republikanern sind das Haushalts-, Sozial- und Migrationspolitik, bei den Demokraten Homo-Ehe, Abtreibungsregeln und die damit zusammenhängende Gesundheitspolitik. Bei manchen Kirchenvertretern bestünden nämlich Bedenken, dass durch die Teilnahme an der Gesundheitsversicherung auch Verhütung und Abtreibungen mitfinanziert würden, erläutert der Washingtoner Pfarrgemeinratsvorsitzende Axel Spies.
Wahlkampf mit Humor: Barack Obama, Kardina Dolan und Mitt Romney beim traditionellen Al-Smith-Dinner Hotel Waldorf Astoria.
Bildquelle: KNAKeine konkreten Wahlaufrufe
Konkrete Wahlaufrufe von Kardinal Dolan oder anderen katholischen Kirchenvertreter gibt es laut Spies aber nicht: "Das könnte man sich auch gar nicht erlauben." So waren auch beim traditionellen Al-Smith-Wohltätigkeitsdinner der Kirche Ende Oktober in New York mit Dolan, Obama und Romney wie auch in früheren Jahren in humorigen Reden mehr die satirischen Fähigkeiten der beiden Politiker gefragt als harte Inhalte.
Die Frage, ob Katholiken in den USA eher demokratisch oder republikanisch wählen, ist nicht einfach zu beantworten. Sowohl Langsch als auch Spies sagen, dass Katholiken in beiden Lagern zu finden seien. Begehrt sind sie hüben wie drüben schon aufgrund ihrer Masse. Allein die Gruppe der US-Bürger mit lateinamerikanischen Wurzeln, die mehrheitlich katholischen Latinos, stellt fast 22 Millionen Wahlberechtigte. 2008 hatten sie überwiegend für Obama gestimmt, auch wegen seiner Migrationspolitik.
Letztlich bestimmen Themen die US-Wahl, die Katholiken, Protestanten, Evangelikale und Nicht-Religiöse gleichermaßen bewegen: die Wirtschaftskrise, die Schulden und die Arbeitslosigkeit. "Neuerdings läuft eine sehr gute Anzeige der katholischen Kirche, um die Katholiken aufzufordern, ihrem Glauben entsprechend zu wählen", sagt Pater Langsch. Was das bedeutet, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.
Von Christoph Meurer
© katholisch.de


















