Prozess im
Vatikan
Justiz | 29.09.2012 - Vatikanstadt
Im Vatikan hat am Samstag der Prozess gegen den früheren päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele begonnen. Die erste Sitzung dauerte mehr als zwei Stunden. Gerichtspräsident Giuseppe Dalla Torre zeigte sich zuversichtlich, dass das Verfahren möglicherweise nach vier weiteren Sitzungen beendet sein könnte. Am ersten Verhandlungstag wurden die Zeugen aufgerufen.
Unter ihnen ist auch der Privatsekretär von Papst Benedikt XVI., Georg Gänswein. Er war am Samstag nicht vor Gericht erschienen, da er sich gegenwärtig in Castel Gandolfo aufhält.
Die Richter entschieden zudem, dass der Prozess gegen den Italiener Claudio Sciarpelletti in einem von Gabriele getrennten Prozess weitergeführt werden soll. Der im vatikanischen Staatssekretariat tätige Informatiker Sciarpelletti ist der Beihilfe zu Diebstahl angeklagt.
Gabriele wirkte angespannt
Die nächste Sitzung im Prozess gegen Gabriele setzte das Gericht für Dienstag an. Dann sollen der Angeklagte sowie bislang namentlich nicht benannte Zeugen befragt werden. Am Samstag wurden für Gabriele insgesamt acht Zeugen aufgerufen, neben Gänswein auch die zur "päpstlichen Familie" gehörende "Memores"-Schwester Cristina Cernetti sowie sechs vatikanische Gendarmen.
Nach 50 Minuten zogen sich die Richter für mehr als eine Stunde zu Beratungen zurück. Kurz vor Mittag nahmen sie die Verhandlung für weitere 10 Minuten auf. Prozessbeobachter beschrieben Gabriele als "angespannt". Insgesamt sei die Atmosphäre im Gerichtssaal jedoch entspannt gewesen, so ein Prozessbeobachter.
Ein unmittelbares Eingreifen von Papst Benedikt XVI. in den Prozess gilt als ausgeschlossen. Denkbar wäre jedoch, dass der Papst Gabriele nach einem etwaigen Schuldspruch begnadigt.
Papst Benedikt XVI. und Kammerdiener Paolo Gabriele gemeinsam in einem offenen Wagen
Bildquelle: KNABis zu vier Jahre Haft
Der 46 Jahre alte Italiener Gabriele muss sich für den Diebstahl vertraulicher Dokumente und Wertgegenstände aus den päpstlichen Privatgemächern vor Gericht verantworten. Ihm drohen bis zu vier Jahre Haft. Sciarpelletti ließ sich durch seinen Anwalt vertreten.
Auf seinem Schreibtisch war ein Briefumschlag mit vertraulichen Dokumenten gefunden worden, auf dem sich der Name Gabrieles und ein Stempel des vatikanischen Staatssekretariats befanden. Ihm droht bis zu ein Jahr Haft.
Gabriele steht im Mittelpunkt der sogenannten "Vatileaks"-Affäre, in der seit Jahresbeginn immer wieder geheime Dokumente aus dem Vatikan an die Medien gelangt waren. In ersten Vernehmungen durch die vatikanische Gendarmerie hatte er gestanden, dem italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi Kopien der entwendeten Unterlagen übergeben zu haben. Gabriele bezeichnete sich selbst als Einzeltäter. In einem anonym geführten Fernsehinterview hatte er jedoch zuvor von rund 20 Komplizen im Vatikan gesprochen.
Das Verfahren im Justizpalast des Kirchenstaates wird von drei vatikanischen Richtern geführt. Es handelt sich um italienische Jura-Professoren. Die Anklage vertritt der vatikanische Staatsanwalt Nicola Picardi. Gabriele wird von der italienischen Anwältin Cristiana Arru verteidigt. Der Prozess im Gerichtssaal hinter der Apsis des Petersdoms ist öffentlich. Acht auswärtige Journalisten dürfen den Prozess in dem rund 30 Besucher fassenden Raum beobachten. Fotos und Fernsehaufnahmen sind nicht gestattet.
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