Heiße Magister,
heiße Doktor gar...
Internet | 19.10.2012 - Mainz
Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor!" lässt Johann Wolfgang von Goethe Ende des 18. Jahrhunderts seinen Faust die eigenen Studien rückblickend bejammern. Solcherlei Ergebnis von (Selbst-)Evaluation zöge heute zweifelsohne eine Fundamentalkritik der hochschulischen Ausbildung, der nach wie vor verbesserungswürdigen Didaktik vieler Veranstaltungen und natürlich der ungeliebten Erstsemester-Seminare "Einführungen in das wissenschaftliche Arbeiten" nach sich.
Bei letzteren scheint ein Missverständnis unausrottbar kultiviert zu werden: dass es bei der Produktion wissenschaftlicher Texte um möglichst fleißiges Abschreiben gehe, natürlich unter möglichst großzügiger Quellennutzung - "Wo habe ich das noch gelesen? Egal, wozu gibt es Google und die Tastaturbefehle für Kopieren und Einfügen".
Auch die Ignoranz von Menschen, die sich der fehlenden Originalität ihrer wissenschaftlichen Positionen mangels entsprechenden Quellenstudiums gar nicht bewusst sind, ist furchtbar! Es geht doch letztlich darum, Erkenntnisfortschritt zu gewinnen, indem vorhandene Meinungen und Erkenntnisse zu einer Problemstellung dargestellt, kritisch überprüft und mögliche neue Schlüsse gezogen werden. Das gilt vielleicht noch nicht für die ersten Proseminarsarbeiten, in denen das ordentliche Zitieren geübt wird. Aber es gilt zweifelsfrei für jegliche Abschlussarbeit und erst recht für Promotionen, die per definitionem einen Forschungsbeitrag zu liefern haben.
Dass unter diesen Qualifikationsarbeiten manches fachlich der Rede nicht wert ist und an der eidesstattlich versicherten Eigenhändigkeit der Erstellung Zweifel bestehen dürften, war schon vor Erfindung des Internet eine Binsenweisheit.
Transparenz oder Hetzjagd?
Was aber ehedem nur mit ausdauernder Benutzung von Fernleihe und beharrlichem Suchen greifbar war, ist nun dank des Internets Gegenstand eines breiten öffentlichen Diskurses geworden: die Qualität und das Zustandekommen von Dissertationen. Und während die einen sich über Transparenz freuen, beschreiben die anderen Hetzjagden und Vorverurteilungen. Was ist davon zu halten?
Damit eines völlig klar ist: wer bei der Erlangung eines Prüfungsergebnisses bewusst täuscht, muss nach jeder gültigen Prüfungsordnung mit massiven Konsequenzen rechnen, wobei das Spektrum von Ungültigkeit der Prüfung über Ausschluss von der Prüfung über sofortiges Studienende bis Aberkennung des erworbenen Abschlusses oder Titels reicht. Und das ist nur fair (gegenüber denen, die ehrlich arbeiten) und folgerichtig (so denn der Anspruch auf wissenschaftliche Redlichkeit nicht a priori aufgegeben wird)!
Sofern es sich bei der Prüfung um eine schriftliche Abschlussarbeit handelt, ist in der Regel eine eidesstaatliche Erklärung deren Bestandteil, dass die Arbeit selbstständig und nur mit den angegebenen Hilfsmitteln verfasst wurde. Wer dagegen bewusst verstößt, begeht nach dem Strafgesetzbuch eine Straftat, die mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bewehrt ist! Dass mit einem Straftatbestand der Anspruch auf Führung des Doktortitels verwirkt ist, sehen manche Betroffene wie Karl-Theodor zu Guttenberg (irgendwann) ein, andere wie Silvana Koch-Mehrin wiederum (bisher) nicht.
Andreas Büsch ist Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz und Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule Mainz.
Bildquelle: KNAHohe Expertise dank niedrigschwelliger Beteiligungsmöglichkeiten
Dazu bedarf es aber der eindeutigen Feststellung, dass mit Absicht getäuscht wurde und nicht bloß hier und da ein paar Anführungszeichen vergessen wurden. Wobei auch letzteres den Tatbestand des Plagiats erfüllt und zumindest auf dem Niveau einer Dissertation disqualifizierend wirkt. Allerdings gilt - solange diese Feststellung nicht von einem Kreis von fachlich kompetenten Gutachtern getroffen wurde - spätestens seit der UN-Menschenrechtskonvention die Unschuldsvermutung.
Dass Social Media-Dienste für die Zusammenarbeit Interessierter genutzt werden, um Wissensbestände zu generieren und mithin Transparenz zu schaffen, ist grundsätzlich begrüßenswert: Viele können gemeinsam etwas leisten, was für Einzelne nicht leistbar wäre. Durch die grundsätzlich niedrigschwelligen Beteiligungsmöglichkeiten in einem weltweiten Kommunikationsnetz kann vergleichsweise einfach eine hohe Expertise gebündelt werden – insofern sind auch Plag-Wikis eine der positiven Auswirkungen der "Kommunikationsrevolution" Internet. Und ein wesentlicher Beitrag zur Qualitätssicherung wissenschaftlichen Arbeitens, denn die lebt von der Erkennbarkeit und Überprüfbarkeit von Quellen und daraus gezogenen Folgerungen.
Was aber für den wissenschaftlichen Diskurs – und auch für journalistische Textproduktion - nicht hinnehmbar ist, ist die Anonymität, mit der die meisten Plagiatsjäger vorgehen. Zweifelsfrei trägt Anonymität zur Dynamik kritischer Bewegungen bei und kann daher auch als Element der Niedrigschwelligkeit der Beteiligung an jeglicher Form von Meinungsäußerung gelten. Nicht umsonst galt das Internet für Gruppen wie beispielsweise Oppositionelle in diktatorischen Systemen als Medium der Wahl, von China über den Iran bis zum "Arabischen Frühling".
Irreführende Anonymität
Allerdings ist der Begriff der Anonymität im Zusammenhang mit Beiträgen in Blogs und Wikis zu Plagiaten irreführend, insofern hier Pseudonyme zum Einsatz kommen, die unter Umständen durchaus Rückschlüsse auf Urheber zulassen. In fast allen Fällen wird aber nicht mit Klarnamen gearbeitet, so dass Kritik und Wiederrede nicht identifizierbar sind. Dies mag in Unrechtssystemen notwendig oder bei persönlicher Abhängigkeit - etwa wenn die Promovendin den Doktorvater kritisieren wollte - hinnehmbar sein. In fachlichen Diskursen ist das mindestens verdächtig bis unzulässig. Insofern ist Wolfgang Bittner, der in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Annette Schavans entsprechende Kritik als "selbstherrlich" abtut, entschieden zu widersprechen. Vielmehr wäre eine entsprechende Medienethik der Produzenten zu fordern, die – so sie Wahrheiten verbreiten – auch im Streit der Meinungen dafür einstehen sollten.
Damit stellt sich die Frage nach den Motiven derer, die ehrenamtlich mit ihrer akribischen Recherche für die Qualität wissenschaftlichen Arbeitens kämpfen. Geht es wirklich darum – oder doch eher um eine Skandalisierung, wie sie auch außerhalb des Internet im Kampagnenjournalismus anzutreffen ist? Nicht zuletzt die Causa Wulff hat die Frage aufgeworfen, ob nicht für Personen des öffentlichen Lebens besondere moralische Maßstäbe anzulegen sind. Das gälte dann auch für deren wissenschaftliche Qualifikation.
Spätestens wenn - wie im Fall von Annette Schavan - vertrauliche interne Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen, bevor die Betroffene davon erfährt, ist der Rahmen eines fairen Untersuchungsverfahrens verlassen. Leider drängt sich damit die Vermutung einer politischen Intention auf - womit der Sache ein Bärendienst erwiesen wird. Der Verdacht einer Neiddebatte, die sich im Demaskieren der vermeintlichen geistigen wie politischen Elite erschöpft, liegt dann plötzlich nahe. Was insofern fatal ist, als damit wiederum denen, deren wissenschaftliche Leistung in Frage steht, sachfremde Argumente zur Verteidigung geliefert werden – bis hin zu Verschwörungstheorien. Aber auch dafür ist das Internet ja gut...
Von Andreas Büsch
Zur Person
Andreas Büsch ist Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule Mainz und Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz.
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