Psalm 27

Die Gemeinschaft mit Gott

Text und Impuls zum Psalm 27

Bonn - 07.01.2015

Psalm 27

Der Herr ist mein Licht und mein Heil: / Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens: / Vor wem sollte mir bangen?

Dringen Frevler auf mich ein, / um mich zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde, / sie müssen straucheln und fallen.

Mag ein Heer mich belagern: / Mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.

Nur eines erbitte ich vom Herrn, / danach verlangt mich: Im Haus des Herrn zu wohnen / alle Tage meines Lebens, die Freundlichkeit des Herrn zu schauen / und nachzusinnen in seinem Tempel.

Denn er birgt mich in seinem Haus / am Tage des Unheils; er beschirmt mich im Schutz seines Zeltes, / er hebt mich auf einen Felsen empor.

Nun kann ich mein Haupt erheben / über die Feinde, die mich umringen. Ich will Opfer darbringen in seinem Zelt, Opfer mit Jubel; / dem Herrn will ich singen und spielen.

Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen; / sei mir gnädig, und erhöre mich!

Mein Herz denkt an dein Wort: "Sucht mein Angesicht!" / Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.

Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; / weise deinen Knecht im Zorn nicht ab! / Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht, verlass mich nicht, / du Gott meines Heiles!

Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, / der Herr nimmt mich auf.

Zeige mir, Herr, deinen Weg, / leite mich auf ebener Bahn trotz meiner Feinde!

Gib mich nicht meinen gierigen Gegnern preis; / denn falsche Zeugen stehen gegen mich auf und wüten.

Ich aber bin gewiss, zu schauen / die Güte des Herrn im Land der Lebenden.

Hoffe auf den Herrn, und sei stark! / Hab festen Mut, und hoffe auf den Herrn!

Gott neu entdecken

"Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht." – Wie mag ein solches Wort im Herzen eines frommen Juden in der aktuellen politischen Situation klingen? Wird er es schreien, wird er fluchen, wird er es mit einem Fragezeichen versehen? Hat er einfach Angst, hat er Verwandte oder Freunde zu betrauern und zu beklagen?

Was will Gott mir sagen?

Die Welt, in der wir stehen, war und ist nie eine heile Welt. Wir sind hineingestellt in die Sünde der Menschen, in die Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und Kriege der Menschen. Was bisweilen "fromm" gelesen und so verstanden wird, wird plötzlich brand-aktuell, buchstäblich "heiß". In diesen Auseinandersetzungen gilt es Gott neu zu entdecken. Wo ist er? Was will er mir sagen? Wie gehe ich mit seinem Wort und der "Realpolitik" um? Sind das zwei verschiedene Welten? Uns ist es fremd zu denken, dass Gott buchstäblich dreinschlägt und sich auf meine Seite schlägt. Ob äußere Kriege toben, ob alltägliche Spannungen mein Leben belasten, ob in mir selber Kräfte am Werk sind, die gegen mich streiten: Als betender Mensch darf ich gewiss sein: Auch da ist Gott! Er ist immer mitten drin, auch wenn ich ihn auf den ersten Blick nicht zu sehen vermag. Er fordert auf, Stellung zu beziehen und zu entscheiden. Aber auch Entscheidungen sind Scheidungen, tun weh, verletzen mich, verletzen andere.

Worauf ist mein Leben gebaut?

In aller Not, in aller Schwierigkeit: Es gilt, was unser Psalmist sagt: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht! Wenn in diesen Tagen am Ende des Kirchenjahres die Liturgie uns Bilder der Endzeit vor Augen stellt, dann soll das nicht Angst und Schrecken verbreiten. Im Gegenteil: Die Texte wollen einladen zum Vertrauen auf Gott, wollen ermutigen zu ergründen, worauf mein Leben gebaut ist. Die Sehnsucht des Psalmisten ist es, "im Hause des Herrn zu wohnen". Das Haus des Herrn - es kann eine Kirche oder Kapelle sein. Das Haus des Herrn ist aber vor und über allem sein Wort. Dieses gilt es immer neu aufzunehmen und zu verinnerlichen, gerade jetzt im "Jahr des Glaubens".

Ein Mutmacher für jeden Tag

"Hoffe auf den Herrn und sei stark! / Hab festen Mut und hoffe auf den Herrn!" – Vielleicht nehmen wir diesen letzten Vers unseres Psalms in den heutigen Tag hinein, in eine neue Woche. Ich kann ihn mir aufschreiben und auf den Schreibtisch stellen, ich kann ihn auswendig lernen, damit er inwendig in mir Raum findet. Dieses Wort kann Fundament für mich sein, auf dem ich fest stehe – "Mag auch Krieg gegen mich toben, ich bleibe dennoch voll Zuversicht".

Von Abt Friedhelm Tissen OSB

Zuhause bei Gott

"Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt mich auf" betet der Psalmist. Diese Worte gehen mir durch den Sinn, wenn ich heute am Grab meiner Eltern stehe. Ich habe sie verloren, fühle mich verlassen: ein schmerzlicher Verlust, eine tiefgreifende Erfahrung. Aber nach einer Zeit der Trauer konnte ich sie loslassen – im festen Glauben daran, dass du, guter Gott, sie schon erwartet und ihnen schon lange eine Wohnung bereitet hattest. Auch für mich wird es dort einen Platz geben. Bis es soweit ist, begleitest und führst du mich durchs Leben, weichst nicht von meiner Seite. Daran glaube ich, daran halte ich fest.

Ich bin dein!

"Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein" – hast du mir bei der Taufe zugesagt. Auf dich, guter Gott, kann ich bauen. Du gibst mir Kraft, bist mir Licht und Heil. Und ist der Weg auch noch so beschwerlich: Am Ende bist du schon da. Du hast mir ein Zelt errichtet, schenkst mir Wärme und Geborgenheit, stärkst mich für die nächste Wegstrecke. Du lässt nicht von mir, auch wenn ich mit dir hadere, wenn ich dich abschütteln möchte wie ein Baum sein trockenes Laub. Du hängst an mir, du hältst mich fest, du liebst mich – auch wenn deine Liebe nicht immer auf Gegenliebe stößt. Du, guter Gott, bist da, wenn ich dir meine innere Zerrissenheit entgegen schreie. Du reichst mir die Hand. Du leuchtest mir in dunkler Nacht, damit ich den Weg zu dir zurück finde – immer und immer wieder.

Wie ein guter Hirte

Manchmal fühle ich mich klein und wertlos. Dann stellst du, guter Gott, mich auf deinen Felsen. Du hebst mich ein Stück hinauf zu dir, damit ich durchatmen kann. Von dort oben fällt es mir leichter, die vielen Ärgernisse und Versuchungen los zu lassen, die mich oft weit von dir wegtreiben. Du bist mir auch dann nahe, wenn ich dich nicht spüren kann und mag, guter Gott. Und kehre ich zu dir zurück, nimmst du mich fest in deine liebenden Arme. Du gehst mir nach, wie ein guter Hirte seinen verlorenen Schafen nachgeht.

Du bist schon längst da

Zuweilen kommt es mir vor, als würdest du dich verbergen, dich von mir abwenden. Dann denke ich an dein Wort "Sucht mein Angesicht!" und laufe dir hinterher – suchend, wissend, dass du mir entgegen kommst. Oft spüre ich nicht, dass du schon längst bei mir bist, dass du nie wirklich fort warst. Meine Seelenaugen sind wie verblendet. Doch dann hebt sich plötzlich der Schleier, und du bist da. Du berührst mich in der Stille oder im Trubel des Alltags. Du zeigst dich mir im Lächeln eines Kindes, in der Hilfsbedürftigkeit eines verwirrten Menschen, in der ausgestreckten Hand eines Bettlers. Du bist bedingungslos treu, guter Gott. Du bist der "Ich bin da". Und wenn ich nicht von loslassen mag und verzweifelt nach einem Halt suche, dann lass mich, Gott, erkennen, dass du allein genügst – wie Teresa von Avila es in einem Gebet zur Sprache gebracht hat.

Von Margret Nußbaum

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