Reisen als Kulturschock

Schon im Neuen Testament machen die Protagonisten an schönen Orten Halt. Doch reisen kann damals wie heute auch heißen, mit Fremdem konfrontiert zu werden oder selbst fremd zu sein.

Reisezeit | Bonn - 26.06.2014

Wenn man die Apostelgeschichte oder die paulinischen Briefe liest und dabei nur die Orte des Geschehens betrachtet, dann trifft man auf Reisestationen, die heute die Mittelmeer-Kataloge der Reiseveranstalter füllen: Zypern, Rhodos, Kreta... Auch während eines Türkei-Urlaubs musste ich vor einiger Zeit an mancher Stelle denken: Diese grandiose Landschaft hat Paulus auch schon gesehen! Das muss ihn doch – neben aller Mühe des Missionierens – hin und wieder fasziniert haben!

Reisen heißt aber damals wie heute manchmal auch: mit Fremdem konfrontiert zu werden und zwangsläufig andere mit der eigenen Andersartigkeit zu konfrontieren. Eine solche Erfahrung lässt sich eindrucksvoll auch an einer Erzählung ablesen, die uns an ein Traumziel schon damaliger Bildungstouristen führt: nach Athen. Paulus unternimmt, so schildert es zumindest der Verfasser der Apostelgeschichte, quasi eine Stadtbesichtigung auf der Durchreise.

Eigentlich wartet er nur auf seine Begleiter Silas und Timotheus – doch was er beim Umhergehen in der Stadt sieht, ist für ihn als gebürtigen Juden ein veritabler "Kulturschock" und macht ihn richtiggehend zornig: ringsherum eine Vielzahl von Götzenbildern! Anscheinend wollen die sprichwörtlich frommen Athener auf "Nummer Sicher" gehen und stellen sogar ihnen unbekannten Göttern Altäre auf... Und so kann er es auch hier nicht lassen, in der Synagoge und auf dem Marktplatz von dem zu sprechen, was ihm am wichtigsten ist: dem Evangelium von Jesus Christus.

Paulus - ein "Verkünder fremder Gottheiten"

Die Reaktionen der Athener könnte man bestenfalls als "gemischt" oder "durchwachsen" bezeichnen: "Schwätzer" wird Paulus von den einen genannt. Andere wiederum scheinen das, was sie hören, einfach anzugleichen an die ihnen vertraute Götterwelt: Jesus und die "Anastasis" (so das griechische Wort für "Auferstehung") mögen ihnen vorkommen wie ein neues Götterpaar – ein "Verkünder fremder Gottheiten" ist dieser Paulus!

Ein "Kulturschock" also auch auf Seite der Einheimischen, klar in Worte gefasst: "Du bringst uns recht befremdliche Dinge zu Gehör!" Doch die Neugier siegt, und so lässt man Paulus seine berühmte Areopagrede halten. Heute würde man sagen: Paulus beweist darin ein hohes Maß interreligiöser Kompetenz. Er holt die Leute da ab, wo sie stehen, wirbt um ihr Wohlwollen, zitiert ihre eigenen Philosophen, sucht positive Anknüpfungspunkte für den monotheistischen Gottesglauben.

Das Wesentliche des eigenen Glaubens entdecken

Alles schön und gut – aber wo der Apostel das Wesentliche der christlichen Botschaft zum Ausdruck bringt, die Botschaft von der Auferstehung Jesu und aller Toten, da scheiden sich die Geister. Die Erwähnung, dass zumindest einige zum christlichen Glauben finden, kann nicht über diesen eigentlichen "Kulturschock" und den daraus resultierenden sehr mäßigen Erfolg seiner Predigt hinwegtäuschen: Hauptsächlich erntet Paulus auf diesem heißen Pflaster Spott. Selbst das vertröstende "Darüber wollen wir dich ein andermal hören..." heißt wohl mehr oder weniger: Davon haben wir jetzt erst einmal genug!

Der reisende Paulus findet – so erzählt die Apostelgeschichte - in der Konfrontation mit der Metropole heidnischer Kultur und Philosophie zu klaren Worten. Die Athener, die dem reisenden Fremdling zuhören, müssen sich zu seiner Botschaft verhalten. Gerade in der Zumutung der jeweiligen Fremdheit entwickelt sich ein Bewusstsein für die eigene Identität, sind wir zu einer klaren Positionierung herausgefordert. Mit dem Reisen kann auch diese Erfahrung verbunden sein: Wieder entdecken und auf den Punkt bringen zu können, was im eigenen Leben und im eigenen Glauben wirklich wesentlich ist.

Von Rita Müller-Fieberg

Zur Person

Rita Müller-Fieberg, Studium der Katholischen Theologie, Romanistik und Germanistik. Promotion im Fachgebiet Neues Testament. Als Dozentin für Biblische Theologie tätig im Bereich Fort- und Weiterbildung von Religionslehrern am Institut für Lehrerfortbildung, einer Einrichtung der fünf (Erz-)Bistümer Nordrhein-Westfalens.

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