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Am Sonntag bist du tot: Tragikomödie um einen irischen Landpfarrer

Filmdienst-Redakteur Jörg Gerle über einen Film, der den Missbrauch durch Geistliche thematisiert.

Man könnte "Am Sonntag bist du tot", der im englischen Originaltitel "Calvary" heißt, das jüngste Werk des britischen Regisseurs John Michael McDonagh gleichsam als Update von Bernanos "Tagebuch eines Landpfarrers" sehen. Robert Bresson gewann mit der Verfilmung 1951 einen silbernen Löwen in Venedig. McDonagh wird allerdings keinen Berlinale-Bären erhalten können, denn die Tragikomödie um den irischen Landpfarrer James Lavelle (Brendan Gleeson) lief nicht im Wettbewerb, sondern in der Sektion Panorama. Im September solle es in die deutschen Kinos kommen.

McDonagh eröffnet sein Stück mit einem Paukenschlag. Es ist Sonntag, Father James sitzt im Beichtstuhl, den Blick leinwandfüllend in Richtung Zuschauer gewandt. Vom Mann auf der anderen Seite hört man nur die Stimme. Er will seine Seele erleichtern, aber nicht beichten. Er sei als Kind über fünf Jahre beinahe täglich von einem Priester missbraucht worden, berichtet er mit ruhiger, fester Stimme. Der Täter sei bereits verstorben, was aber nicht weiter tragisch sei. Denn warum einen bösen Priester richten? Warum nicht an seiner Stelle etwas Gutes vernichten, wie einst das Gute in jenem kleinen Jungen zerstört wurde? Etwas Gutes wie Father James, der in seiner Gemeinde - hier in einem kleinen irischen Dorf am Ende der Welt - zwar einen schweren Stand hat, aber alle Probleme geregelt bekommt. In genau sieben Tagen soll Father James am Dorfstrand den Tod finden. Damit bleibt dem Priester wenig Zeit, um alles zu regeln und mit sich und der Welt ins Reine zu kommen.

Der Schock sitzt tief. Doch erstaunlicherweise nicht bei Father James, der zwar seinen Erzbischof informiert, aber nicht die Polizei.

Der rothaarige Bär geht weiterhin "normal" seinen Geschäften nach - und diese sind im Dorf mit all den vielen schrägen Vögeln mehr als auslastend. Zudem ist noch seine erwachsene Tochter Fiona auf Besuch. Der plötzliche Tod seiner Frau war einst für James der Anstoß, Priester zu werden. Das hat die Beziehung zur Tochter offensichtlich nicht einfacher gemacht. So wohnt man den kauzigen, bissigen, intelligenten und abenteuerlichen Zwiegesprächen des Priesters mit seinen Schäfchen bei, während die angekündigte Tat immer näher rückt näher. 

Andere Regisseure hätten aus dem Stoff möglicherweise ein entrücktes Psychodrama gemacht, eine rüde Kirchenschelte oder ein ruppiges Rachestück. "Calvary" ist nichts dergleichen und doch von allem ein bisschen. McDonagh, der auch das Drehbuch schrieb, entführt den Zuschauer nach dem Prolog zunächst in die skurrile irische Welt voller Eigenbrötler. Situationskomik wechselt sich mit beiläufiger Tiefgründigkeit. Ein wenig Agatha Christie weht durch das Dorf, wenn der Zuschauer, ein ums andere Mal überlegt, wer denn der Täter sein mag. 

Doch McDonagh will mehr, als den Zuschauer eine schwarze Komödie zu bieten. Die Gespräche werden existenzieller. Der Unbekannte gibt mit unbarmherziger Härte zu erkennen, dass er es ernst meint. Ein Guter soll sterben, wie einst auf Golgatha! "Calvary" ist das englische Wort für jenen Berg, auf dem Jesus einen schmachvollen Tod für die Sünden der Welt auf sich nahm. 

Das Thema stellt einen hohen Anspruch, dem McDonagh durchaus gerecht wird, auch weil er bei allem Ernst die Ernsthaftigkeit nicht zur Schau stellt. Immerhin kommt er aus der Unterhaltung und landete mit "The Guard" 2011 einen Publikumshit auf der Berlinale, ebenfalls mit Brendan Gleeson in einer denkwürdigen Hauptrolle. In "Calvary" fordert McDonagh nun vom Zuschauer, sich mit Schuld und Sühne auseinanderzusetzen. Und er tut dies mit Intelligenz und ohne die Unterhaltung zu vernachlässigen. Der Schluss von "Calvary" ist jedenfalls so provokant, dass man sich noch lange mit dem Stoff beschäftigt.

Von Jörg Gerle (© 2013 KNA)

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