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Zeit und Ewigkeit - "Wunder-volle" Gedanken

Sendung vom 04.06.2015

„Wunder-volle“ Gedanken am See Gennesaret von Abt Hermann Josef Kugler OPraem

„Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehn.“ – Kennen Sie diesen Schlager noch, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer? Das war eine Melodie, mit der sich Katja Ebstein ins Herz vieler Fans gesungen hatte. In den siebziger Jahren war ihr Lied ein großer Erfolg. Vermutlich, weil sie vom Wunder der Liebe sang – von einer Sehnsucht, tief hineintauchen zu dürfen in das, was wunderschön ist und was das Leben ausmacht. Und zum anderen, weil in dem Wort Wunder etwas mitschwingt von dem Gefühl: Da passiert etwas, was ich nicht in der Hand habe, was ich nicht machen kann. Es wird mir von oben geschenkt.

Glauben Sie an Wunder? Ehrlich gesagt, ich bin immer etwas skeptisch, wenn mir jemand von Wundern erzählt, von wundersamen Dingen, von übernatürlichen Ereignissen, von Sachen, die passiert sein sollen – hier an den Ufern des Sees Gennesaret oder irgendwo sonst auf der Welt, völlig unerklärlich. Das gilt auch für den religiösen Bereich. Wer unter der Woche tagtäglich damit rechnet, dass er sich auf die Naturgesetze verlassen kann, der wird sich am Sonntag schwertun mit übernatürlichen Wundern, auch wenn davon oft in der Bibel die Rede ist.

Was hat es mit den Wundern auf sich, die in der Bibel nachzulesen sind? Frommes Gerede? Hirngespinste? Soll ich das, was da steht, andächtig bewundern oder ungläubig bestaunen? Muss ich an diese Wunder glauben? Wie kommt es dann, dass viele Menschen damals trotz aller Wunder nicht an Jesus geglaubt haben? Sie waren doch dabei. Richtige Augenzeugen sind sie gewesen.

Von einem Wunder, das sich hier am Ufer des Sees Gennesaret ereignet hat, schreibt der Evangelist Matthäus: In jener Zeit [...] fuhr Jesus mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. [...] Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen, und es ist spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns. Darauf antwortete er: Bringt sie her! Dann ordnete er an, die Leute sollen sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.

Jeder, der sich im Heiligen Land hier am See Gennesaret in Tabgha aufhält, wo Christen seit Jahrhunderten den Ort der Brotvermehrung verehren, kennt diese Erzählung – aber nur vom Hörensagen, von dem, was die Evangelisten aufgeschrieben haben, was immer wieder vorgelesen und verkündet wird. Aber die echten Zeitzeugen sind längst tot.

Ein Wunder vor meinen Augen – würde das etwas ändern im Leben? In meinem? In Ihrem? Wäre das Beweis genug für alle, die mit Jesus Christus nichts anfangen können? Wären dann alle Skeptiker überzeugt? Würden sie ihm dann glauben, wenn er sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“?

Wer verstehen will, ohne dass er seinen Verstand ausschalten muss, warum die Bibel so oft von Wundern erzählt und was für eine Botschaft davon ausgeht, der muss genau hinhören. Wer das tut, wird allerdings seine Wunder erleben. Die Wunder Jesu sind keine Zauberei, kein Hokuspokus und keine Magie, die Zeit und Ewigkeit aushebeln. Sie sprechen eine klare Sprache nur für den, der diese Sprache gelernt hat. Und diese Sprache heißt: Glaube. Glaube meint dabei nicht, alles einfach unkritisch für wahr zu halten, auch wenn es nicht in meinen Kopf hineingeht. Die Sprache des Glaubens klingt vielmehr nach „Vertrauen in das Gute“, „Vertrauen darauf, dass Gott die Dinge zum Guten wenden kann“.

Auch die Freunde Jesu mussten dieses Vertrauen erst lernen. Am See haben sie Jesus seinerzeit auch nicht zugetraut, die Volksmenge zu speisen: „Schick doch die Menschen weg!“ Doch was sie ihm nicht zutrauen, das mutet er ihnen zu: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Damit haben Jesu Freunde nicht gerechnet. Proviant für sich selbst haben sie dabei: fünf Brote und zwei Fische. Nicht viel, aber immerhin. Besser als nichts. Für die Jünger und Jesus hätte der Vorrat ausgereicht, aber nicht für so viele Leute. Aber Jesus weiß, wie man das Brot vermehren kann: durch Teilen. Und genau das traut Jesus seinen Jüngern zu: das Brot zu teilen. Zum Teilen gehört Mut. Jesus ermutigt sie. Auf sein Wort hin beginnen sie zu teilen und kommen an kein Ende damit.

Die Frage, Brot für so viele Menschen zu finden, ist keine mathematische, sondern eine ethische Frage. Hinter der Lösung steckt kein kluger Kopf, sondern ein weites Herz: Bin ich bereit abzugeben, damit alle etwas bekommen können? Vielleicht besteht das Brotwunder nicht darin, dass Brot vermehrt wird, sondern vielmehr darin, dass die Vorräte geteilt werden. Könnte es das Geheimnis der Brotvermehrung Jesu sein, dass er nicht die Brote zählt, sondern mit dem guten Willen der Menschen rechnet? Könnte es nicht sein, dass das Beispiel der Jünger ansteckend gewirkt hat, als sie damit begonnen haben, ihre Vorräte mit anderen zu teilen? Könnte es nicht sein, dass auch die anderen ihre Angst überwunden haben, zu kurz zu kommen, alles für sich behalten zu wollen, weil sie sich gefürchtet haben, sonst leer auszugehen? Der Mangel, dass nicht genug an Essbarem da ist für alle Menschen, ist in meinen Augen weniger ein Mangel an Ware als vielmehr ein Mangel an Bereitschaft zum Teilen. Wie müßig sind die Rechnereien und Kalkulationen, wie viel oder wie wenig jeder Einzelne wirklich abgeben müsste, um die Hungersnot auf der ganzen Welt zu beseitigen.

„Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehn.“ – Wer nur mit Zahlen rechnet, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, der verkalkuliert sich am Ende in seinem Leben. Wer nur an sich selbst denkt, der erlebt kein Brotwunder, sondern ein blaues Wunder. Brotvermehrung unter uns gibt es nur, wenn jeder Einzelne sich dafür einsetzt, dass die Güter auf dieser Welt gerechter verteilt werden, wenn jeder persönlich mit dem Teilen anfängt und nicht auf den anderen wartet. Das Wunder der Brotvermehrung Jesu ist kein geistliches Picknick für die besonders Frommen, sondern eine dringende Einladung an alle Menschen, niemanden wegzuschicken, sondern das zu geben, was zum Leben notwendig ist. - „Wunder gibt es immer wieder.“ – Vielleicht liegt es an uns, dass sie geschehen: egal, ob heute oder morgen, im Heiligen Land oder bei Ihnen daheim.

Ich wünsche Ihnen einen „wunder-vollen“ Tag! 

Abt Hermann Josef Kugler OPraem

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