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Kardinal Kasper: "Europa fehlt der geistliche Kick"

"Als Europa in Trümmern lag, ist die Einheit Europas die verlockende Zukunftsvision gewesen. 70 Jahre Frieden, relativer Wohlstand und keine Feindschaften ringsumher sind großartige Errungenschaften", so der 83-Jährige Kardinal im Domgespräch mit dem langjährigen hr-Kirchenexperten Meinhard Schmidt-Degenhard.

Mittlerweile aber bewege sich die Europäische Gemeinschaft fort von der geistlichen Idee der Einheit, bedauerte der Kardinal. Es dominiere der Gedanke einer reinen Wirtschaftsgemeinschaft mit national sehr unterschiedlichen Interessen und großen Differenzen zwischen Nord und Süd, Ost und West. Das Bewusstsein, dass in Europa zwar der Mensch das Maß der Dinge sei, er aber immer noch einen göttlichen Maßstab über sich wisse, sei verloren gegangen, sagte Kasper: "Was ist uns Europäern noch heilig? Sind wir maßlos geworden in unseren Interessen?“


Mauern sind sinnlos

Auch wenn Europa im Weltmaßstab längst nicht mehr die führende Rolle spiele, müsse die Staatengemeinschaft die geistige Verantwortung behalten und für Menschenwürde und die Menschenrechte weltweit eintreten, forderte Kasper. Auch wenn die Migrationsbewegungen Europa in den kommenden Jahrzehnten durcheinander wirbelten, sei es letztlich sinnlos, Mauern zu errichten: „Fremde wie Christus aufzunehmen, gehört zum Grundgesetz Europas!“ Sich von der Not der anderen berühren zu lassen, barmherzig und mitmenschlich zu handeln, müsse der Maßstab in Europa bleiben. Dabei wisse er sehr wohl, dass Barmherzigkeit eine ungeheure Provokation sei: „Seinen Feind zu lieben ist radikales Christentum.“

Für Europa sieht der Kardinal deshalb durchaus Hoffnung, wenn es sich in der Krise seiner eigenen Geschichte wieder bewusst werde, sich auf die christlichen Grundwerte von Freiheit, Würde und Solidarität besinne und dem "relativ einfachen Grundsatz“, als Mit-Mensch zu leben, folge. (dw)

Timo Michael Keßler

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