SS-Soldaten bewachen jüdische Widerstandskämpfer die sich im Schutt eines zerstörten Hauses auf den Boden ducken.
Vor 70 Jahren begann der Aufstand im Warschauer Ghetto

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Am Ende glich alles einem perfiden Verwaltungsakt: „Der ehemalige Jüdische Wohnbezirk Warschaus besteht nicht mehr“, telegrafierte SS-Brigadeführer Jürgen Stroop an seinen Vorgesetzten nach Krakau. Das war am 16. Mai 1943, kurz nachdem Männer der Waffen-SS die Warschauer Synagoge gesprengt und auch die letzten der zwischenzeitlich mehr als 350.000 Bewohner des Warschauer Ghettos exekutiert hatten.

Warschau - 19.04.2013

Mehrere dunkel gekleidete Menschen (Juden) gehen über eine Brücke, die am rechten Bildrand hinter einer Mauer verschwindet.

Diese Brücke hatte zwei Bezirke des Warschauer Ghettos miteinander verbunden. Dazwischen war "arisches Gebiet".

Knapp einen Monat hatte die Jüdische Kampforganisation ZOB – auf Polnisch Żydowska Organizacja Bojowa – den Widerstand gegen die Besatzer aufrechterhalten können, den sie heute vor 70 Jahren angezettelt hatte. Die Nazis hatten bereits damit begonnen, die Warschauer Juden zu deportieren – überwiegend nach Treblinka. Das Ghetto hatten die Nazis 1940 im Stadtzentrum von Warschau eingerichtet. Im Zuge der Judenvernichtung wurde das Areal seit 1942 immer wieder verkleinert und war schon länger kein zusammenhängendes Gebiet mehr. Die einzelnen Bezirke waren durch Brücken nur noch lose miteinander verknüpft. Die knappen Lebensmittelrationen haben dazu beigetragen, dass sich überall Seuchen ausbreiteten.

Todesurteil bereits unterschrieben

Der polnische Mediziner Ludwik Hirszfeld schildert Zustände, die keines Menschen würdig sind: "Die Straßen sind so übervölkert, daß man nur schwer vorwärts gelangt. Alle sind zerlumpt, in Fetzen. Überall ist Lärm und Geschrei. Dünne, jämmerliche Kinderstimmen übertönen den Krach. Auf den Bürgersteigen stapeln Kot und Abfälle sich zu Haufen und Hügeln. Ich sehe ungeheuer viele Männer und Frauen, die vom Ordnungsdienst gejagt werden. Alte, Krüppel und Gebrechliche werden an Ort und Stelle selbst liquidiert. Oft liegt etwas mit Zeitungen Zugedecktes auf dem Bürgersteig. Schrecklich ausgezehrte Gliedmaßen oder krankhaft angeschwollene Beine schauen meistens darunter hervor. Es sind die Kadaver der an Flecktyphus Verstorbenen, die von den Mitbewohnern einfach hinausgetragen werden, um die Bestattungskosten zu sparen."

Eine abgemagerte Frau liegt an eine Hauswand gelehnt auf dem Gehweg.

Warschauer Ghetto: Hungernde Jüdin am Strassenrand (während der deutschen Besatzung Polens 1939-1945).

Die Juden im Ghetto wussten zu diesem Zeitpunkt, dass ihr Todesurteil bereits unterschrieben war. Einige fügten sich in ihr Schicksal – reagierten apathisch und wandten sich resigniert von der Welt ab. Die Mitglieder der ZOB wollten nicht kampflos untergehen und bewaffneten sich auf dem Schwarzmarkt, gruben Tunnel und bauten Verstecke. Mit Unterstützung der polnischen Heimatarmee, der Armia Krajowa oder AK, war nicht zu rechnen – der Militärhistoriker Michael Berger nennt Antisemitismus und Arroganz als Gründe. Lediglich die zweite polnische Untergrundarmee, die kommunistische Volksgarde/Volksarmee (GL/AL) unterstützte den Aufstand. Entsprechend spärlich waren die Kämpfer der ZOB ausgerüstet.

Nazis völlig überrascht

Dennoch konnten sie zu Beginn des Aufstands einige Erfolge zu verzeichnen: Mit restriktivem Vorgehen gegen Kollaborateure erkämpften sie sich den Respekt der übrigen Ghetto-Bewohner – damit zogen sie jedoch die Aufmerksamkeit der SS-Leute auf sich. Und die holten am 19. April – dem Passahfest – zum Vergeltungsschlag aus: Gegen 6 Uhr betrat die SS mit etwa 850 Mann das Ghetto, das sie zuvor umstellt hatte. Himmlers Ziel war es, das Ghetto bis zu Hitlers Geburtstag vollständig zu räumen; etwa 60.000 Menschen lebten zu dieser Zeit noch hinter den 18 Kilometer langen Mauern.

Zwei Soldaten stehen mit erhobenem Gewehr vor einem Hauseingang in dem vier Leichen liegen.

Bei Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto ging die SS äußerst Grausam vor.

Die Nazis hatten mit keinerlei Widerstand gerechnet und waren überrascht, dass sie bald nach ihrer Ankunft beschossen wurden. Den Aufständischen gelang es sogar, einen mitgeführten Panzer mit Molotow-Cocktails zu zerstören und die SS-Männer in die Flucht zu schlagen. Vorerst, denn wenige Stunden später drang die SS, verstärkt durch Soldaten und die Polizei, unterstützt von Panzern, Artillerie und der Luftwaffe, wieder in das Ghetto ein.

Dennoch wehrte sich die Jüdische Kampforganisation über mehrere Wochen. Auf den Häuserkampf waren die Deutschen Verbände und ihre "fremdvölkischen Hilfseinheiten" aus der Ukraine nicht vorbereitet, die ZOB fügte der SS große Verluste zu. Daher gingen die Nazis dazu über, die Aufständischen auszuräuchern und zündeten ein Haus nach dem anderen an. So gewannen sie nach und nach die Oberhand. Dezimiert und demoralisiert musste die ZOB nach knapp einem Monat aufgeben.

Kämpfer als Vorbild für viele Juden

Für den ehemaligen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, war dieses Aufbegehren ein letzter Akt der Selbstachtung – als freie Menschen wollten die Juden des Warschauer Ghettos selbst entscheiden, auf welche Art sie sterben. Für viele Juden nach dem Krieg waren die Kämpfer Vorbilder, eine Generation von Juden, die nach Jahrhunderten der Apathie ihr Schicksal endlich selbst in die Hand nahm. Für viele Überlebenden wurden die Ghetto-Kämpfer jedoch zur Last: "Warum habt ihr euch nicht gewehrt, sondern wie die Lämmer zur Schlachtbank führen lassen", fragten junge Israelis nach dem Krieg vorwurfsvoll. Es dauerte bis zu den Eichmann-Prozessen zu Beginn der 1960er Jahre, bis dieses Trauma aufgearbeitet werden konnte.

Für SS-Brigadeführer Jürgen Stroop war dies nichts weiter als ein grausamer Verwaltungsakt: "Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet. […] Gesamtzahl der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56.065."

Von Michael Richmann