Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Ursula Hertewich über das Sonntagsevangelium

77 Mal - ein hoher Preis

Diese Forderung Jesu lässt erschrecken: Siebenundsiebzig Mal soll man seinem Nächsten vergeben. Schwester Ursula weiß, welches Verhalten den meisten Menschen lieber wäre - und legt das Evangelium aus.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP |  Bonn - 16.09.2017

Impuls von Schwester Ursula Hertewich

Hand aufs Herz: Haben Sie schon einmal jemandem 77 (in Worten: siebenundsiebzig) Mal vergeben, der sich 77 Mal gegen Sie versündigt hat? Im heutigen Sonntagsevangelium wendet sich Petrus mit einer interessanten Frage an Jesus: Wie oft muss ich eigentlich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt hat? Und er bietet ihm auch eine ganz konkrete Zahl an: Siebenmaliges Vergeben, das scheint für ihn machbar zu sein. Die Antwort Jesu lässt erschrecken: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzig Mal. Wohlgemerkt: siebenundsiebzig Mal vergeben, unabhängig von der Qualität der Sünde, unabhängig von der Höhe der Schuld. Und - wie das darauf folgende Gleichnis zudem ganz unmissverständlich klar macht: es gibt keine Entschuldigung für Unversöhnlichkeit.

Es ist auffällig, dass Jesus ausgerechnet immer dann, wenn es um dieses schwierige Thema der Vergebung geht, so kompromisslos zur Versöhnung aufruft. Wir dürfen in diesem Zusammenhang nicht vergessen: Jesus war ein Menschenkenner und keineswegs blauäugig. Er selbst wusste, was Vergebung kosten kann, aber er wusste gleichzeitig, dass der Preis eines unversöhnten Lebens noch viel höher ist.

Wahrscheinlich haben wir alle schon einmal am eigenen Leib erfahren, dass nichts unsere Lebensfreude und Lebendigkeit derart ruinieren kann wie das Unversöhnte in unseren Herzen. Wenn ein Mensch an uns schuldig geworden ist, neigen wir zu einem ausgeprägten Vermeidungsverhalten: Wir wechseln lieber die Straßenseite, statt ihm zu begegnen. Wir versuchen, nicht an ihn und seine Verfehlungen zu denken, was uns nur schwer gelingt. Wir halten uns von ihm fern, wann immer es uns möglich ist. Mit anderen Worten: Innerlich und äußerlich sind wir gefangen, je nach Schwere des Vergehens manchmal sogar Jahrzehnte lang. Die Folterknechte, von denen am Ende des Gleichnisses die Rede ist, können ein Bild für die inneren Qualen sein, unter denen Menschen leiden, die keinen Frieden finden können. "Wenn dich jemand verletzt, und er bittet dich um Verzeihung, dann vergib ihm seinetwillen. Bittet er dich nicht um Verzeihung, vergib ihm um deinetwillen", hat einmal ein weiser Mensch gesagt.

Ja, siebenundsiebzigmal vergeben bedeutet siebenundsiebzigmal innere Arbeit. Und es mag Situationen geben, in denen wir verzweifelt resignieren und uns ein Weg der Versöhnung ungangbar zu sein scheint. Dann kann es gut sein, auf Jesus selbst zu schauen, der mit einer Vergebungsbitte auf den Lippen für uns sein Leben hingegeben hat: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Denn – wie der Priester und Schriftsteller Heinrich Spaemann es ausdrückte: "Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt. Wir kommen, wohin wir schauen." Mögen wir die Versöhnung niemals aus dem Blick verlieren, das wünsche ich uns allen an diesem Sonntag. 

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP

Evangelium nach Matthäus (Mt 18, 21-35)

In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal. Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen.

Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.

Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist!

Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.

Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast.

Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.

Die Autorin

Sr. Ursula Hertewich OP ist promovierte Apothekerin und arbeitet in der Seelsorge des Gästehauses des Dominikanerinnen-Klosters Arenberg.